Gedenken an Roma auf Bezirksebene

Seit 15. Juni 2018 wird an die in Floridsdorf lebenden Lovara, Sinti und Roma nicht nur durch Straßennamen, sondern auch mit einer Gedenkstele erinnert – in der Franklinstraße, vor der „Business School“, auf dem Grünstreifen zwischen dem Hallenbad und dem Gymnasium Franklinstraße 26.


Die am 15. Juni 2018 enthüllte Gedenkstele in der Franklinstraße 24  (Fotos:  Gerhard Jordan).

Die Vorgeschichte

Dass der 21. Bezirk ein bevorzugter Aufenthalts- und Wohnort von Roma – vor allem der um 1920 aus Ungarn kommenden Lovara, die sich damals großteils als Pferdehändler betätigten – war, ist schon länger bekannt. Ein Antrag der Grünen aus dem Jahr 1996 in der Bezirksvertretung auf Benennung einer Verkehrsfläche nach dieser Volksgruppe führte 5 Jahre später zur Benennung von Lovaraweg – sowie auch von Romaplatz und Sintiweg – auf dem Bruckhaufen, nahe der Arbeiterstrandbadstraße.


1996 beantragt, 2001 benannt:  der von der Arbeiterstrandbadstraße zur Alten Donau führende Lovaraweg.

Romane Thana

Während sich ältere FloridsdorferInnen an die Roma auf dem Mühlschüttel und in anderen Teilen des Bezirkes noch erinnern können (noch heute leben Lovara bevorzugt in Floridsdorf, allerdings auf Wohnungen im ganzen Bezirk verteilt), so war dieser Teil der Bezirksgeschichte den jüngeren kaum bekannt. Hier leistete im Jahr 2015 die Ausstellung „Romane Thana. Orte der Roma und Sinti“ im „WIEN MUSEUM“ eine ganz wichtige Bewusstseinsarbeit. Zu den damaligen Rahmenveranstaltungen gehörten auch Spaziergänge, die Willi Silvester Horvath auf den Spuren der ehemaligen Wohnorte seiner Verwandten, die sich vor fast 100 Jahren als Pferdehändler auf dem Mühlschüttel niedergelassen hatten, abhielt.


Willi S. Horvath bei einer Exkursion des „WIEN MUSEUM“ in der Floridusgasse (2015).

Die „Überparteiliche Gedenkplattform Transdanubien“ schlug vor, eine Erinnerungsstätte zu schaffen, die auf den Ringelseeplatz (damals zwischen Ringelseegasse und Franklinstraße gelegen, dem bis 1965 dort befindlichen Fußballplatz des SR Donaufeld benachbart) hinweisen soll, der bis in die frühen 1960er-Jahre ein Treffpunkt verschiedener Roma-Gruppen aus mehreren Ländern Europas war. Nicht nur Lovara, sondern auch Sinti, Roma die entweder aus Jugoslawien oder 1956 nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution nach Österreich kamen, Durchreisende, „Jenische“, Schausteller-Familien aus Italien usw. hielten sich für kürzere oder längere Zeit hier auf. Erst ab etwa 1963 verschwand dieser Sammelpunkt, und es wurden in der Umgebung öffentliche Gebäude errichtet:  das Gymnasium (Nr. 26, errichtet 1963-66), die Handelsakademie (Nr. 24, 1964-66), das Hallenbad (Nr. 22, 1964-67) und der Kindergarten (Nr. 28, 1969-72).

Am 17. März 2016 unterstrich die Gedenkplattform ihre Forderung mit einer Kundgebung in der Franklinstraße, an die sich ein Gespräch mit ZeitzeugInnen im Gasthaus Birner anschloss. Die Grünen hatten bereits am 10. Februar 2016 in der Bezirksvertretung Floridsdorf einen Antrag auf Schaffung einer Erinnerungsstätte gestellt, der (gegen die Stimmen der FPÖ) der Kultur- und Benennungskommission zugewiesen wurde.
Mit Unterstützung des Bezirks kümmerten sich der Vorsitzende der Kommission, Bezirksrat Kurt Schmidt (SPÖ) und Bezirksrat Gerhard Jordan (GRÜNE) in den folgenden beiden Jahren um die Umsetzung. Ein Antrag an die KÖR („Kunst im öffentlichen Raum GmbH“) zur Ausschreibung eines KünstlerInnen-Wettbewerbs wurde schließlich an die Magistratsabteilung 7 (Kulturamt der Stadt Wien) verwiesen, die die Errichtung einer Stele in ihrem bewährten sogenannten „WIENKL-Design“ vorschlug.

Mit Hilfe von Willi Horvath wurde Kontakt mit der Roma-Community aufgenommen, ein Text formuliert und abgestimmt, und die Dienststellen der Stadt Wien prüften bei einer Ortsverhandlung den Standort. Der Termin der Enthüllung wurde, nachdem die Bezirksvorstehung von einem geplanten viertägigen Fest des Kulturvereins „Romano Svato“ erfahren hatte, mit diesem zusammengelegt, um entsprechende Synergien zu nutzen.

Die Enthüllung

Die Enthüllung fand am 15. Juni 2018 statt, und es nahmen zwischen 100 und 200 Menschen daran teil – auch zwei Schulklassen aus dem GRG 21, Franklinstraße 21. Zahlreiche VertreterInnen aus der Roma-Community (Verein Lovara Österreich, Romano Centro, Kulturverein österreichischer Roma, Romano Svato, romblog.at, etc.), MandatarInnen von 5 Parteien der Floridsdorfer Bezirksvertretung, AktivistInnen der „Überparteilichen Gedenkplattform Transdanubien“ und interessierte AnrainerInnen waren gekommen.

Die Reden von Willi S. Horvath, Gerhard Jordan, Nuna Stojka (Schwiegertochter der 2013 verstorbenen Malerin und Autorin Ceija Stojka) und Bezirksvorsteher Georg Papai begleitete die Gruppe „Amenza Ketane“ (mit Hojda Stojka, dem Sohn von Ceija) musikalisch.


Auch Medieninteresse war gegeben  (Fotos: Molly Wurth).


Willi Silvester Horvath sprach über die Vergangenheit seiner Familie und über die gesellschaftliche Rolle der Lovara auf dem Mühlschüttel in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.


„Amenza Ketane“ steuerte Musik der Lovara zu der Feier bei.


Gerhard Jordan erzählte, wie sich die Erinnerungskultur im Bezirk entwickelt hat und wies auf den günstigen Zeitpunkt der Enthüllung der Stele hin: einerseits rechtzeitig zum 25. Jahrestag der Anerkennung der österreichischen Roma, Sinti und Lovara als Volksgruppe, andererseits als wichtiges Zeichen in einer Zeit, wo wieder verstärkt „Sündenböcke“ gesucht werden.


Nuna Stojka erinnerte an ihre Schwiegermutter Ceija und appellierte an den gesellschaftlichen Zusammenhalt.


Bezirksvorsteher Georg Papai erläuterte die Rolle des Bezirks und der Kulturkommission beim Zustandekommen der Stele.


Die feierliche Enthüllung (v.l.n.r.: Bezirksvorsteher-Stellvertreterin Ilse Fitzbauer, Kulturkommissions-Vorsitzender Bezirksrat Kurt Schmidt, Bezirksrat Gerhard Jordan und Bezirksvorsteher Georg Papai aus Floridsdorf; ganz rechts Grüne Donaustadt-Klubobfrau Bezirksrätin Heidi Sequenz, Mitbegründerin der „Überparteilichen Gedenkplattform Transdanubien“).


AktivistInnen der „Überparteilichen Gedenkplattform Transdanubien“ mit Nuna Stojka nach der Enthüllung der Stele.

 

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Gedenken an den 12. März 2018 in Aspern: Noch vor dem „Anschluss“ kam Himmler

Am 12. März 1938 kurz vor 5 Uhr landete der Reichsführer SS Heinrich Himmler am damaligen Flugfeld Aspern (wo sich heute die Seestadt befindet) mit etwa 50 seiner engsten Mitarbeiter, darunter dem Chef der Sicherheitspolizei Reinhard Heydrich, um in einer ersten Verhaftungswelle die ohnehin schon stark nationalsozialistisch unterwanderte österreichische Polizei zu „säubern“ und gleichzuschalten.
Aus diesem Anlass organisierte die
„Überparteiliche Gedenkplattform Transdanubien“ am 12. März 2018 – genau 80 Jahre danach – am ehemaligen Flugfeld ihre seit 2012 bereits siebente Gedenkveranstaltung.

Beim Treffpunkt vor der U2-Endstation „Seestadt“ fanden sich trotz Regens etwa 70-80 Personen ein, darunter der Donaustädter Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy und die stellvertretende Bezirksvorsteherin Ilse Fitzbauer aus Floridsdorf, zahlreiche VertreterInnen von SPÖ, GRÜNEN, NEOS, KPÖ und der Zivilgesellschaft.


Oben:  Der Treffpunkt bei der U2-Station „Seestadt“  (Fotos: Überparteiliche Gedenkplattform Transdanubien).
Unten (v.l.n.r.):  Andreas Konecny, Bernhard Gaishofer, Gerhard Jordan, Bezirksvorsteher-Stellvertreterin Ilse Fitzbauer, Heinz Berger, Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy.

Nach dem kurzen Weg zum Gedenkwald sprach Gerhard Jordan über die Entstehung und die bisherigen Aktivitäten der Plattform. Unter anderem erwähnte er, dass sich die Forderung der Gedenkplattform-Kundgebung von 2016, nämlich ein Objekt zur Erinnerung an die bis Anfang der 1960er-Jahre beim Ringelseeplatz auf dem Mühlschüttel im 21. Bezirk lebenden Lovara, Sinti und Roma aufzustellen, in Umsetzung befindet und die Enthüllung in der Franklinstraße für Juni vorgesehen ist.


Reden von Gerhard Jordan (oben) und Heidi Sequenz (unten).

Heidi Sequenz bot einen Überblick über die Geschichte des Gedenkwaldes östlich der Seestadtstraße: 1987 wurde von Schülerlnnen im Andenken an die 65.000 Wiener jüdischen Opfer der Shoah jeweils ein Baum für jedes Opfer gepflanzt. 1988 wurde ein Gedenkstein in Erinnerung an die Ermordeten errichtet.


Der im Jahr 1988 errichtete Gedenkstein.

2015 stellten die Donaustädter Grünen in der Bezirksvertretung einen Antrag auf Errichtung eines Denkmals für die ZwangsarbeiterInnen, die beim Ausbau des Flughafens Aspern im zweiten Weltkrieg hier eingesetzt wurden. 2017 wurden schließlich zwei von Peter Pirker gestaltete Gedenkstege errichtet, in die 18 schmale Metalltafeln eingelassen sind, in die die Geschichte des Flugfeldes und der nationalsozialistischen Gewalt eingraviert ist.


Der 2017 errichtete Gedenksteg von der „Seestadt“ zum Gedenkwald.

Andreas Konecny von der Baugruppe „Que[e]rbau“ erzählte die dramatische Fluchtgeschichte der Familie Rothschild, die 1938 in Aspern beinahe gescheitert wäre.

Nach einem kurzen gemeinsamen Fußweg versammelten sich die TeilnehmerInnen im Nachbarschaftstreff „Yella Yella!“ der Baugruppe „Que[e]rbau“ in der Maria-Tusch-Straße 2.
Dort sprach der Historiker Heinz Berger über die
Geschichte des Flugfeldes und Querbezüge zur NS-Gewaltherrschaft, untermalt von einigen historischen Fotos und einem historischen Film.


Heinz Berger bei seinem Vortrag im Nachbarschaftstreff „Yella Yella!“.

Bernhard Gaishofer von der KPÖ Donaustadt stellte mit seinen Ausführungen zur FPÖ-Ablehnung von Straßenbezeichnungen nach NS-Opfern, zu rechten Tendenzen und zum Donaustädter Burschenschafter Martin Graf im Nationalrat den Bezug zur Gegenwart wieder her.


Bernhard Gaishofer sprach aktuelle rechtsextreme Tendenzen an.

Abschließend präsentierte Hilde Grammel von der Baugruppe die im Lokal befindliche aktuelle Ausstellung über die Frauenrechtlerin und Friedenskämpferin Yella Hertzka (1873-1948) und erzählte über ihr Leben und ihren Weg ins Exil im Jahr 1939. Nach ihr ist nämlich der an das Bauprojekt angrenzende Park im Westen der „Seestadt“ benannt.


Hilde Grammel bei der Präsentation der Ausstellung über Yella Hertzka.

Gedenkplattform Transdanubien: 80 Jahre nach dem 12. März 1938

Die 2011/12 von engagierten BürgerInnen, von AktivistInnen aus der Zivilgesellschaft und Initiativen sowie Mitgliedern politischer Parteien der Bezirke 21 und 22 gegründete „Überparteiliche Gedenkplattform Transdanubien“ organisiert auch 2018, im 80. Jahr des „Anschlusses“, eine Veranstaltung, die an die Ereignisse des Jahres 1938, die in der Folge in den Zweiten Weltkrieg und in den Mord an Millionen Menschen führen sollten, zu erinnern. Gerade in einer Zeit, in der Mitglieder deutschnationaler und rechtsextremer Burschenschaften in staatliche Funktionen aufrücken, ist Information über die Vergangenheit, über die Opfer und über die Rolle der Täter, mehr denn je vonnöten.

Das Gebiet der heutigen „Seestadt Aspern“, damals ein Flughafen, war der erste Schauplatz, an dem die Besetzung Österreichs in den frühen Morgenstunden ihren Anfang nahm – mit der Landung des „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler, der sofort mit der rücksichtslosen Verfolgung von Oppositionellen und GegnerInnen des NS-Regimes begann.
Bei dem 1987 angelegten Gedenkwald nahe der Seestadtstraße mit dem 2017 errichteten „Gedenk-Steg“, sowie anschließend im „NachbarInnen-Treff“ der Baugruppe „que(e)rbau“ wird über die Vorgänge des Jahres 1938 informiert.

Treffpunkt:  Montag, 12. März 2018,  17 Uhr,  U2-Endstelle „Seestadt“.
Download:  EINLADUNG

Einige der BISHERIGEN AKTIVITÄTEN der Gedenkplattform:
2014.  Lesung mit Erinnerungen an Donaufeld  mit dem Zeitzeugen Univ.-Prof. Peter Weinberger
2015:  70 Jahre Befreiung Transdanubiens – Gedenkwanderung zu Stätten der Verfolgung und des Terrors
2016   Gedenken an die Lovara, Sinti und Roma im Bereich des Ringelseeplatzes  (voraussichtlich im Juni 2018 wird eine damals geforderte Erinnerungsstätte in Form einer Gedenkstele in der Franklinstraße errichtet werden – siehe unten, NACHTRAG)https://donaufeld.wordpress.com/2016/03/20/gedenken-an-die-lovara-sinti-und-roma-im-bereich-des-ringelseeplatzes/
2017:  Anni Haider – eine antifaschistische Widerstandskämpferin in Kaisermühlen  Videofilm aus 1983, in dem die Zeitzeugin interviewt wurde
NACHTRAG:

Floridsdorf-Tipps

Zwei interessante Neu-Erscheinungen befassen sich auf kritisch-originelle Weise mit dem 21. Bezirk und seinen sehens- und hörenswerten Seiten.

TIPP  1

Am 6. November 2017 wurde im Gasthaus Birner das vom Aktionsradius Augarten in der Reihe StadtFlanerien Wien herausgegebene HÖRBUCH FLORIDSDORF präsentiert.

Auf rund 68 Minuten gibt es allgemeine Infos und Fakten über den Bezirk (gesprochen von der Projekt-Initiatorin Carola Timmel) und dazwischen Interviews mit in Floridsdorf aufgewachsenen Persönlichkeiten sowie einige Auszüge aus Liedern, in denen ein Bezirksbezug vorkommt – z.B. von Ernst Molden („De Beag“ – Bisamberg), Willi Resetarits („Floridsdorfer Bahnhof“ – Franz-Jonas-Platz) oder dem Nino aus Wien („Am heißesten Tag des Sommers“ – Alte Donau).


Carola Timmel, Initiatorin der „Hörbuch-Reihe“, und Uschi Schreiber vom „Aktionsradius Augarten“ bei der Präsentation im Gasthaus Birner am 6. November 2017  (Fotos: Gerhard Jordan).

Die älteste interviewte „Zeitzeugin“ ist die 88-jährige Christiane Schönborn-Buchheim, Tochter von Manfred Mautner-Markhof, die im Gebäude des heutigen Bezirksmuseums aufgewachsen  ist und sich an die damals dort befindliche Brauerei St. Georg erinnert.
Inputs gibt es auch über die Industriegeschichte Floridsdorfs (Historiker Hans Hautmann), den Weinbau (Winzer Peter Ullreich), die Flora und Fauna des Bisambergs (Landschaftsplaner Heinz Wiesbauer), die Veränderung des Stadtbildes und den „Identifikationspunkt Donau“ (Zirkuspädagogin Ruth Schleicher), den Floridsdorfer Fußball (Trainer Peter Pacult) und über die Geschichte des Bruckhaufens der einst eine Mülldeponie war (von Willi Resetarits, der dort aufwuchs).

Ein weiteres Interview aus dem „Hörbuch“ – jenes mit dem Musikproduzenten Stefan Redelsteiner, der u.a. den „Nino aus Wien“ (der seine Wurzeln im 22. Bezirk hat) entdeckte – wurde auch bei der Präsentation im Gasthaus Birner „live“ geführt. Stefan Redelsteiner, geb. 1982, wuchs in Großjedlersdorf auf. Seine Kindheitserinnerungen sind positiv – vor allem wegen der vielen Grün- und Freiflächen die es gab -, dies ändert sich jedoch mit dem Teenager-Alter, als der Mangel an „guten Fortgehlokalen“ und für Jugendliche interessanten „Szene-Hot spots“ merkbar wurde. Mit 20 Jahren kehrte er Floridsdorf den Rücken. Heute lebt er im 5. Bezirk und merkt bei jedem Besuch, dass sich wieder irgendwo ein großes Stück verändert hat.
Interessant auch das anschließende Gespräch von Uschi Schreiber (Aktionsradius Augarten) mit Nino, den sie in den 1990er-Jahren, als das „Kulturnetz“, bei dem sie damals tätig war, im Stadterweiterungsgebiet Süßenbrunner Straße Veranstaltungen organisierte, erstmals traf (er war damals noch ein Kind).


Höhepunkt des Abends:  Der Auftritt des „Nino aus Wien“.

 

TIPP 2

Am 14. November 2017 stellte der im Gemeindebau Autokaderstraße aufgewachsene und heute in Großjedlersdorf wohnende Journalist Mag. Uwe Mauch im voll besetzten Festsaal des Amtshauses sein Buch DAS ALTE FLORIDSDORF (Edition Winkler-Hermaden) vor, in dem er historische Fotos – großteils aus dem Fundus des Bezirksmuseums – mit aktuellen und höchst interessanten Erklärungen versehen hat.


Uwe Mauch mit dem Cover seines Floridsdorf-Buchs bei der Präsentation am 14. November 2017.

In seiner Präsentation erwähnte er den aus Niedersachsen stammenden Statthalter Erich von Kielmannsegg (dessen Vision im ausgehenden 19. Jahrhundert die „Niederösterreichische Landeshauptstadt Floridsdorf“ war) und verschiedene wenig bekannte Fakten über den 21. Bezirk. Viele davon – z.B. dass der jüdische Fußballverein „Hakoah“ von 1909-1922 bei der Alten Donau spielte – sind in dem 96-seitigen Buch zu finden.
Hervorzuheben ist, dass sich die Texte von Uwe Mauch – etwa in den Kapiteln „Straßen.Züge“ oder „Kultur.Gut“ – durch ihre kritische Herangehensweise von einigen „konventionell-heimatkundlichen“ positiv abheben.

Bei der Buchpräsentation sprach auch der in der Schwarzlackenau wohnende Historiker und Kulturwissenschafter Univ.-Doz. Dr. Matthias Marschik.
Er stellte fest, dass JournalistInnen aus „Zentral-Wien“ oft über Floridsdorf Stereotype verbreiten, ohne den Bezirk zu kennen und kritisierte das „Flach-Machen der Flächenbezirke“. Seine Feststellung „Wir sind eigentlich Cisdanubien“ zeugt jedenfalls von einem selbstbewussten Herangehen an die Lokalgeschichte.


Im Gespräch mit dem Historiker Dr. Matthias Marschik.

Beide hier vorgestellten Werke können in der  Buchhandlung Am Spitz  erworben werden.

„Station der Erinnerung“ in der Donaufelder Straße

Der  Verein „Steine der Erinnerung“  widmet sich seit 2005 dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, die er durch metallene Tafeln (an Hauswänden oder im Gehsteig eingesetzt) mit Namen und Geburts-/Sterbe-Datum an Orten, wo sie gewohnt hatten, vor dem Vergessenwerden bewahrt.


Daliah Hindler und Matthias Beier vom Verein „Steine der Erinnerung“  (Foto: Gerhard Jordan).

Die Initiative geht zumeist von Angehörigen aus. Bis heute wird auf diese Weise an rund 1.600 vom NS-Regime Ermordete erinnert.

Während es in der Leopoldstadt Dutzende solcher „Stationen der Erinnerung“ gibt, sind diese in Floridsdorf nur vereinzelt zu finden – eine zentrale wurde  im November 2013  auf dem Hoßplatz vor dem Joseph-Samuel-Bloch-Park eröffnet.

Eine weitere folgte nun am 21. Juni 2017, und zwar in der Donaufelder Straße 19.

An dieser Adresse befand sich vor dem „Anschluss“ 1938 das Möbelhaus von Bernhard Herškovics, der mit seiner Frau Hermine fünf Kinder hatte und schon 1933 starb.


Das Möbelgeschäft Herškovics vor 1938  (Foto: privat/Verein „Steine der Erinnerung“).

Seine jüngste Tochter, Sidonie, wurde am 3. April 1915 geboren. Sie war das einzige Mitglied dieser Floridsdorfer jüdischen Familie, das während der Nazi-Herrschaft in Wien blieb, weil sie auf die Freilassung ihres Verlobten, der zur Zwangsarbeit eingezogen worden war, hoffte.


Sidonie Herškovics, 1915-1942  (Foto: privat/Verein „Steine der Erinnerung“).

Die vier Geschwister und die Mutter (alle lebten zunächst in der Donaufelder Straße) waren ab den späten 1920er-Jahren bis 1938 in die USA, nach Palästina, nach China bzw. in die Schweiz und von dort nach Australien emigriert.

Bald kam Sidonie unter die Räder der NS-Terrormaschinerie. Zunächst wurde sie in eine Sammelwohnung im 2. Bezirk übersiedelt und schließlich am 17. August 1942 in einem Viehwaggon nach Maly Trostinec (bei Minsk, heute Weißrussland) deportiert, wo sie in einem Wald am 21. August erschossen wurde.

Bei der Gedenkfeier, bei der Bezirksvorsteher-Stellvertreterin Ilse Fitzbauer Grußworte überbrachte und VertreterInnen des Vereins die Bedeutung des Erinnerns betonten, sprach auch Gary Hearst, der Neffe von Sidonie Herškovics. Er war mit seiner Frau aus Australien, wohin sein Vater Johannes (ein Bruder von Sidonie) im Jahr 1939 ausgewandert war, nach Wien gekommen.


Neffe Gary Hearst bei seiner Ansprache  (Foto: Gerhard Jordan).

Ein berührender Moment war, als er für seine Tante, die er nicht mehr persönlich kennenlernen konnte, das jüdische Totengebet Kaddisch sprach.


Gary Hearst (2.v.l.), Mitglieder des Vereins „Steine der Erinnerung“ und BezirkspolitikerInnen bei der Eröffnung  (Foto: Brigitte Parnigoni).

Danach wurden bei der neuen Tafel Blumen niedergelegt.


Gary Hearst mit seiner Frau bei der „Station der Erinnerung“  (Foto: Gerhard Jordan).

Das Haus, in dem sich das Möbelgeschäft der Famile Herškovics befand, wurde im Krieg zerstört und 1962/63 wieder aufgebaut. Heute befindet sich im Erdgeschoß eine Pizzeria.


Das Gebäude Donaufelder Straße 19 heute  (Foto: Gerhard Jordan).

Widerstand in Kaisermühlen

Wie jedes Frühjahr seit 2012, trat auch 2017 die „Überparteiliche Gedenkplattform Transdanubien“ wieder mit einer Veranstaltung in Erscheinung.

Nachdem 2015 (Gedenkwanderung anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung Transdanubiens zu KZ-Nebenlagern und Zwangsarbeitsstätten im Bereich der Prager Straße) und 2016 (Veranstaltung mit ZeitzeugInnen zur Geschichte der bis in die 1960er-Jahre im Bereich Mühlschüttel/Ringelseeplatz siedelnden Lovara, Sinti und Roma) der Schwerpunkt in Floridsdorf lag, ging es diesmal um Kaisermühlen, genauer gesagt um den großen Gemeindebau Goethehof, der zur Zeit seiner Errichtung (1929/30) noch im 2. Bezirk lag.

In einem Veranstaltungslokal dieser Anlage an der Schüttaustraße 1-39, dem sogenannten „Werkl im Goethehof“, zeigte die Gedenkplattform am 22. März 2017 den den 1983 entstandenen Videofilm „Tränen statt Gewehre“.


Regisseurin Karin Berger spricht über die Entstehung des Films.

In diesem von der Regisseurin und Historikerin Karin Berger gedrehten Film erzählte die Widerstandskämpferin Anni Haider, geborene Ladislav (1902-1990) aus ihrem Leben. Damals, Anfang der 1980er-Jahre, lebte Anni Haider in einem Altersheim in Linz, wo sie Karin Berger, die damals an einem Projekt über Frauen im Widerstand arbeitete, besuchte und interviewte.

In den 1930er-Jahren war Anni, damals eine junge Textilarbeiterin, in einer Färberei in Kaisermühlen und als Betriebsrätin gewerkschaftlich aktiv, zunächst in der sozialdemokratischen SDAP. Als Antifaschistin war sie im Goethehof, wo sie auf Stiege 38 wohnte, aktiv an den Kämpfen des Februar 1934 beteiligt. Die ArbeiterInnenbewegung versuchte damals, dem faschistischen Kurs von Engelbert Dollfuß und der Heimwehren bewaffnet entgegenzutreten. Besonders nördlich der Donau, z.B. in der Umgebung des Floridsdorfer Schlingerhofes, gab es heftige Kämpfe.

Anni Haider schilderte, wie im Goethehof für 170 kampfbereite Schutzbündler lediglich 4 Revolver und 10 Gewehre zur Verfügung standen und welch demoralisierenden Effekt das hatte. Mit einem Maschinengewehr deckte sie den Rückzug, wurde verwundet und konnte sich gerade noch auf das Überschwemmungsgebiet (die damalige Donauwiese) retten. Als sie bei einem sozialdemokratischen Betriebsrats-Kollegen Unterschlupf suchte, wies sie dieser weg, doch eine kommunistische Familie in der Armensiedlung Brettldorf (wo heute die „Donaucity“ steht) versorgte sie. Dieses Erlebnis trug mit dazu bei, dass Anni schließlich der KPÖ beitrat. Sie emigrierte über die Tschechoslowakei in die Sowjetunion, wo sie ihren späteren Mann, den Kommunisten Franz Haider (1907-1968) kennenlernte. Karli, ein 1924 geborener Sohn aus einer früheren Beziehung, war schon früher nach Moskau gebracht worden. Anfang 1938 ging sie – schwanger (ihr Sohn Helmut kam im Februar 1938 zur Welt) – nach Österreich zurück, um in der Illegalität die Partei aufzubauen.


Anni Haider, damals bereits über 80 Jahre alt, beim Interview für den Videofilm „Tränen statt Gewehre“.

Es dauerte nicht lange, und Anni Haider wurde 1941 (wie damals auch Margarete Schütte-Lihotzky und andere), von einem Spitzel verraten und wegen Hochverrats zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Sie wurde in der GESTAPO-Zentrale am Morzinplatz gefoltert, war teilweise in Einzelhaft und lernte in den Kerkern des NS-Regimes die 1943 hingerichtete Ordensschwester Restituta kennen. In einem Gefängnis in Bayern wurde sie 1945 von US-Truppen befreit und begann danach in der KPÖ Oberösterreich und beim „Bund Demokratischer Frauen“ zu arbeiten. 1990 starb sie in Linz.

Im Anschluss an den sehr berührenden Film kam es zu einer interessanten Diskussion, an der sich auch Frau Weiss, eine Nichte von Anni Haider, beteiligte und Erinnerungen an ihre Tante beisteuerte. Karin Berger erzählte über das Zustandekommen des Films und wie sehr sie von Anni‘s Persönlichkeit und ihrem Mut beeindruckt war. Noch heute, so wurde berichtet, gibt es ältere BewohnerInnen im Goethehof, die Anni als fast legendäre „Heldin“ in Erinnerung behalten haben.

In der Diskussion ging es auch darum, wie Frauen im Widerstand mit persönlichen Schicksalsschlägen umgehen. Als Anni erfuhr, dass ihr erster Sohn Karli, in der Meinung, seine Mutter sei tot, sich in der Sowjetunion einer Partisanengruppe angeschlossen hatte und mit 17 Jahren in Litauen gefallen war, stürzte sie sich aus Trauer umso mehr in die Parteiarbeit. Frauen, die ihre Befreiung aus den KZs erlebten, berichteten manchmal, dass ihre eigenen – oft noch kleinen – Kinder sie nach der jahrelangen Gefangenschaft nicht mehr wiedererkannten.


Lebhafte Diskussion im „Werkl im Goethehof“.

Es ging auch um die Frage des „Mitläufertums“ und darum, dass dieses aus heutiger Sicht erst beurteilt werden solle, wenn man/frau sich ernsthaft überlegt hat, wie er/sie selbst unter den damaligen Umständen gehandelt hätte. Heidi Sequenz, Mitbegründerin der Gedenkplattform und Geschichte-Lehrerin an einer AHS, war überrascht, welch starken Eindruck das Schicksal von Anni Haider auf ihre SchülerInnen gemacht hatte.

Die Entwicklungen der 1930er-Jahre lehren uns jedenfalls, dass autoritären Tendenzen rechtzeitig entgegengetreten werden muss – dies wurde damals in Wien (und in Transdanubien) versucht, und erweist sich heute in immer mehr Teilen der Welt wieder als erforderlich…


Regisseurin Karin Berger (Mitte) mit den OrganisatorInnen der „Überparteilichen Gedenkplattform Transdanubien“ Heidi Sequenz (GRÜNE Donaustadt), Heinz Berger (Initiative Donaufeld), Bernhard Gaishofer (KPÖ Donaustadt) und Gerhard Jordan (GRÜNE Floridsdorf).

 

 

Gedenkveranstaltung im Goethehof am 22. März

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GEDENKVERANSTALTUNG

ZUR ERINNERUNG AN ANNI HAIDER (1902-1990)

Am 12. Februar 1934 kämpfen im Wiener Goethehof, einem 1929/30 errichteten Gemeindebau des „Roten Wien“, Schutzbündler gegen die faschistische Heimwehr.
Unter ihnen ist eine junge Frau, Anni Haider, Textilarbeiterin und politische Aktivistin. Als immer klarer wird, dass der Kampf verloren ist, deckt sie mit dem Maschinengewehr den Rückzug der fliehenden Männer. Verletzt und von der Polizei gesucht, verbirgt sie sich daraufhin einige Tage im damaligen Überschwemmungsgebiet der Donau, bis ihr aus der nahe gelegenen Armensiedlung „Brettldorf“ (die sich ungefähr an der Stelle der heutigen „Donau-City“ befand) Hilfe angeboten wird.

Die Historikerin  Dr. Karin Berger, die Anni Haider mit dem Film „Tränen statt Gewehre“ (1983) ein Denkmal setzte, wird nach der 20-minütigen Filmvorführung weitere spannende Geschichten aus dem Leben dieser beeindruckenden Frau erzählen. –  Am  22. März 2017 ab 19 Uhr im Lokal „Werkl“ im Goethehof, ca. 5 Gehminuten von der U1-Station Kaisermühlen-VIC entfernt.

In einer Zeit, da in mehr und mehr Ländern demokratische Rechte abgebaut werden und autoritäre Regime erstarken, hat dieser Film besondere Aktualität:  im Jahr 1934 unternahm die österreichische ArbeiterInnenbewegung den Versuch, dem Faschismus aktiv entgegenzutreten – besonders im Wien nördlich der Donau.

Für die Überparteiliche Gedenkplattform Transdanubien:
Heinz Berger, Hans Höllisch, Christine Hulatsch, Karl Inmann, Gerhard Jordan, Bernhard Koch, Heidi Sequenz, Franz Wagner, Hanni Wagner.

Anmeldung unter:  heidi.sequenz@chello.at


Über die  GEDENKPLATTFORM

Die „Überparteiliche Gedenkplattform Transdanubien“ wurde Ende 2011 gegründet, der Anlass war die Weigerung der FPÖ Donaustadt eine Straße im Bezirk nach Anne Frank zu benennen.

Im  März 2012  und  2013  fanden vor der Donaucity-Kirche in Kaisermühlen Kundgebungen anlässlich des Jahrestages des „Anschlusses“ statt, bei denen an den Einmarsch der Hitler-Truppen 1938 und an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert wurde.

Am  12. März 2014  wurde eine Lesung und Diskussion mit dem Zeitzeugen Univ.-Prof. Peter Weinberger aus dessen Buch „Wohlgeordnete Einsamkeit“ veranstaltet, bei der auch Erinnerungen an das Donaufeld der ersten Nachkriegsjahre zur Sprache kamen.

Am  12. April 2015  erinnerte die Plattform mit einer Gedenkwanderung an den 70. Jahrestag der Befreiung Transdanubiens. Gemeinsam mit dem Archäologen Mag. Thomas Pototschnig gedachten wir jener Opfer, die in der Militärschießstätte am Bruckhaufen sowie in den Floridsdorfer KZ-Nebenlagern, bei Zwangsarbeiten und Todesmärschen umkamen.

Am  17. März 2016  erinnerten wir mit einer Veranstaltung an die bis Anfang der 1960er-Jahre im Bereich Ringelseeplatz im 21. Bezirk lebenden Lovara, Sinti und Roma – mit Berichten von ZeitzeugInnen und vielen Fotos. In der Franklinstraße ist nun die Schaffung einer Erinnerungsstätte für die Lovara, Sinti und Roma, von denen viele Opfer der Verfolgung in NS-Zeit wurden, geplant.

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Der Goethehof (Schüttaustraße 1-39) nach den Kämpfen im Februar 1934.  Kaisermühlen gehörte vor 1938 noch zum 2. Bezirk Wiens. ( © INTERFOTO / Alamy Stock Photo )

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Der Goethehof heute.  (Foto: G. Jordan)

 

Ausstellung über die Geschichte Donaufelds im Bezirksmuseum

Am 25. September 2016 wurde die Sonderausstellung „Donaufeld. Gestern – Heute – Morgen“ im Bezirksmuseum Floridsdorf (Prager Straße 33) eröffnet. Sie ist noch bis 13. November zu sehen und bietet interessante Einblicke, wenngleich gerade bei Donaufeld ein „weniger traditioneller“ Zugang mit einer stärkeren Betonung des „Heute“ und „Morgen“ eine Chance geboten hätte.

Eindrücke von Gerhard Jordan

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Sonderausstellungen über einzelne Bezirksteile Floridsdorfs im Bezirksmuseum. Donaufeld fehlte noch, dies wurde jetzt nachgeholt – als erste Sonderausstellung nach der kontrovers diskutierten „Neu-Übernahme“ der Museumsleitung Anfang 2016. „Historischer Anlass“ war, dass vor 130 Jahren, im Jahr 1886, die Umbenennung der selbständigen Gemeinde „Neu Leopoldau mit Mühlschüttel“ auf „Donaufeld“ bewilligt wurde (weil es immer wieder zu Verwechslungen mit Leopoldau gekommen war).

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Modell einer der „Schiffsmühlen“, die dem Mühlschüttel den Namen gaben.  (Fotos: G.J.)

Schon 2015 war das Buch „Donaufeld mit Bruckhaufen“ von Kustos Ing. Franz Uhlir erschienen, das um 12 € im Museum erhältlich ist und die Grundlage für die Ausstellung lieferte. Ergänzende Recherchen kamen auch vom neuen Museumsleiter Ing. Ferdinand Lesmeister, einem Leopoldauer mit einigen „Donaufeld-Bezügen“.

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Auf den Schautafeln ist Material zu vielfältigen Themenbereichen zu sehen:  Gebietsentwicklung (mit Karten und Luftaufnahmen), ehemalige Industriebetriebe (z.B. die „Lohner-Werke“ in der Donaufelder Straße, die Raffinerie Shell in der Pilzgasse oder die Eisenbettenfabrik Quittner in der Leopoldauer Straße) und Landwirtschaft, die Pfarrkirche, der Bruckhaufen (positiv hervorzuheben: die Roma, Sinti und Lovara wurden in diesem Zusammenhang erwähnt), Kleingartenvereine, Gemeindebauten, Verkehr, etc.

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Auf Luftbildern sind die baulichen Veränderungen gut nachvollziehbar.

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Einen zentralen Bestandteil der Ausstellung bilden Fotos und Dokumente aus der kurzen Zeit der selbständigen Gemeinde zwischen der Trennung von Leopoldau (1880/81) und der Eingliederung in die Großgemeinde Floridsdorf (1894), die ihrerseits wiederum 1904/05 als 21. Bezirk ein Teil Wiens wurde. Es gab in der Geschichte des heutigen Bezirksteils lediglich zwei Bürgermeister, nämlich Alois Bertl (bis 1887) und Franz Plankenbüchler.

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Museumsleiter Lesmeister mit den Gemeinderats-Protokollen. Er weist darauf hin, dass 1885 in der Diskussion über den neuen Namen der Gemeinde auch „Nordwien“ zur Wahl stand, aber sich letztlich „Donaufeld“ bei der Abstimmung durchsetzte.

Dennoch hätte das Thema „Donaufeld“ Chancen geboten, die zu wenig genutzt wurden:
Donaufeld ist der jüngste Teil des 21. Bezirks und wahrscheinlich der dynamischste – in vielfacher Hinsicht.  Die Geschichte der Besiedlung beginnt (im Gegensatz zu jener der einstigen Marchfelddörfer) erst im 19. Jahrhundert, als ab ca. 1830 der Mühlschüttel entstand und nach 1860 das Gebiet nördlich von Patrizigasse und Donaufelder Straße nach und nach verbaut wurde. Ab Anfang der 1990er-Jahre beschleunigte sich die Entwicklung durch Neubauten, die teilweise „Neuland“ beschritten, wie z.B. die „FrauenWerkStadt“ Ecke Donaufelder Straße/Carminweg.

Zwar stehen gleich beim Eingang einige Tafeln der Magistratsabteilung 21 mit Informationen zum Stadterweiterungsgebiet Donaufeld, doch die jüngsten Entwicklungen sind dennoch etwas „stiefmütterlich behandelt“.

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Schautafeln der MA 21 im Foyer.

Ein Beispiel:  Beim Thema „Verkehr“ werden zwar Straßenbahnlinien, die in den „Lohner-Werken“ hergestellten Fahrzeuge etc. ausführlich behandelt, aber dass es in Donaufeld auch die „Autofreie Mustersiedlung“ (ein weit über die Grenzen Österreichs hinaus beachtetes Pilotprojekt) gibt, oder dass die Idee der „Mobilitätsmappe“ in Donaufeld (bei den Wohnanlagen die auf dem Areal der früheren Lohner-Werke entstanden sind) umgesetzt wurden, bleiben unerwähnt.

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Die einstigen „Lohner-Werke“ (in denen u.a. der „Sissy-Roller“ hergestellt wurde) nehmen einen prominenten Platz ein.

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Auch angesichts des „Morgen“ im Titel der Ausstellung wäre es interessant gewesen, zu erfahren, dass sich seit geraumer Zeit auch BürgerInneninitiativen konstruktiv mit der zukünftigen Entwicklung des Donaufeldes auseinander setzen.

Es bleibt zu hoffen, dass das Bezirksmuseum bei zukünftigen Ausstellungen und Veranstaltungen einen „offeneren Zugang“ wählt, der auch TrägerInnen der Zivilgesellschaft einbezieht bzw. Anregungen aus diesem Bereich aufgreift.

Die Ausstellung ist aber dennoch sehenswert und kann noch bis zum 13. November 2016 besucht werden (Öffnungszeiten: an Dienstagen von 15-17 Uhr und an Sonntagen von 10-12 Uhr).

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Die Ausstellung kann noch bis 13. November 2016 besichtigt werden.