Filmabend über Wiens „wilde Siedlungen“

Am 5. September zeigen die Grünen Floridsdorf im Chorhaus der Chorvereinigung „Nordbahnbund“, An der Oberen Alten Donau 96, einen Dokumentarfilm über die „wilden Siedlungen“ Wiens.

Auch in der Umgebung von Donaufeld gab es solche – z.B. die noch heute bestehende Siedlung Bruckhaufen und das im Zuge der Vorbereitung der Wiener Internationalen Gartenschau (WIG) 1964 abgerissene sogenannte „Brettldorf“, das im Bereich des heutigen Donauparks lag.

 

Geschichten mit Donaufeld-Bezug von Agnes Bernhart

Zu den in letzter Zeit erschienenen Werken mit Floridsdorf-Bezug gesellt sich eine interessante Neu-Erscheinung:  das Buch „einst & jetzt. Omageschichten aus Floridsdorf“ von Agnes Bernhart.

Die Autorin, gelernte Fotografin, Religionslehrerin i.R. und ehrenamtliche Mitarbeiterin des Bezirksmuseums Floridsdorf, schildert darin auf humorvolle Weise autobiografische Erinnerungen, die einen sehr starken Donaufeld-Lokalbezug haben. Frau Bernhart hat einen Teil ihrer Kindheit und Jugend bei ihrer Tante in der Siedlung zwischen Donaufelder Straße und Nordmanngasse verbracht und beschreibt das damalige Leben aus ihrer Sicht.
Einzelne „Grätzl“ und Gebäude wie sie damals aussahen und was heute dort ist laden zu einem Vergleich ein.

Die Grünen Floridsdorf laden zu einer LESUNG MIT AGNES BERNHART aus ihrem Buch.

Wann?  –  Donnerstag, 21. März 2019,  18:30 Uhr.

Wo? –  Nordmanngasse 25-27 („Autofreie Mustersiedlung“), Salon „Aquarium“ im Hof.  Erreichbarkeit:  Beim Eingang Donaufelder Straße 50 am Spielplatz vorbei. Karte

 


Autorin Agnes Bernhart  (Foto: privat).

Auf den Spuren des Februar-Aufstands 1934 in Floridsdorf

Die „Überparteiliche Gedenkplattform Transdanubien“, die seit 2012 alljährlich Aktivitäten zur Erinnerung an Ereignisse der jüngeren Vergangenheit mit Schwerpunkt auf die Bezirke 21 und 22 setzt, beging den 85. Jahrestag des Februar-Aufstands 1934 mit einer Gedenkwanderung am 10. Februar 2019, bei der der Historiker Dr. Kurt Bauer zu Schauplätzen der Februar-Kämpfe in Floridsdorf führte.
Rund 100 Interessierte nahmen an der Veranstaltung teil, und auch die anschließende – teils kontroverse – Diskussion war gut besucht.

Im Kreis der TeilnehmerInnen spiegelte sich die Breite der Überparteilichen Gedenkplattform:  SPÖ-Bezirksvorsteher-Stellvertreterin Ilse Fitzbauer, die Klubobleute der Grünen aus Floridsdorf und Donaustadt (Mit-OrganisatorInnen Heinz Berger und Heidi Sequenz), die Klubobfrau der NEOS Floridsdorf (Monika Ruschka), die SprecherInnen der KPÖ Floridsdorf und Donaustadt – um nur einige aus der Politik zu nennen, diesmal besonders viele HistorikerInnen von verschiedenen akademischen Einrichtungen und aus der Zivilgesellschaft sowie zahlreiche engagierte und interessierte BürgerInnen.

 
Rund 100 Interessierte versammelten sich vor dem Bahnhof Floridsdorf, um am Gedenkrundgang teilzunehmen (Fotos: G. Jordan).


Vor dem heutigen „Haus der Begegnung“, an dessen Stelle sich 1934 das Floridsdorfer Arbeiterheim befand.


Blick über die Angererstraße zum damals umkämpften Gebäude des ehemaligen Nordbahnhofs (in der Mitte); auf der Eisenbahnbrücke (rechts) war ein Scharfschütze des Schutzbunds postiert.

Kurt Bauer hat in seinem zum Jahreswechsel 2018/19 erschienenen Buch „Der Februar Aufstand 1934. Fakten und Mythen“ die Ereignisse vom 12. bis 14. Februar detailliert aufgearbeitet und versucht, alle Todesopfer – jene des sozialdemokratischen Schutzbunds, der Exekutive bzw. Truppen des Regimes und rechter Verbände wie Heimwehr sowie unbeteiligter Personen – namentlich zu erfassen und ist dabei auf 357 Personen gekommen.
Die härtesten Kämpfe spielten sich in Floridsdorf ab, wo auch die meisten Toten zu beklagen waren.


Das Polizeikommissariat Ecke Hermann-Bahr-Straße (Bild oben, links) konnte von den Aufständischen nicht eingenommen werden, das 1924 errichtete Gebäude der Feuerwache in der heutigen Weisselgasse (Bildmitte) wurde hingegen am 13. Februar 1934 von einem Polizeitrupp gestürmt.


Bei dem 1964 errichteten Denkmal für den am 15. Februar 1934 hingerichteten Schutzbund-Führer und Feuerwehr-Angehörigen Ing. Georg Weissel an der Prager Straße. Auch die 1958/59 von der „Sozialbau AG“ errichtete Genossenschafts-Wohnanlage in der Gerichtsgasse ist nach Weissel benannt.


Auch um die Straßenbahnremise in der Gerichtsgasse gab es Gefechte.


Im Dachbereich des 1925/26 errichteten „Schlingerhof“, Ecke Brünner Straße, waren MG-Schützen postiert. Am 13. Februar gegen Mittag wurde der Gemeindebau von Artillerie beschossen und eingenommen. Im Zuge des Abtransports von 350 Gefangenen wurden bei Schießereien mehrere Menschen getötet. (Auf dem Bild ist über dem „Tabak Trafik“-Symbol die Stelle zu sehen, an der jahrzehntelang – bis zu ihrer Versetzung – eine Gedenktafel für die Februar-Opfer angebracht war.)

Bei der Diskussion in den Räumlichkeiten der Gebietsbetreuung „GB*nord“ sprach Heinz Berger, Historiker und Mitbegründer der Gedenkplattform, einleitende Worte, in denen er auf die Mythenbildung und auf die Rezeption des Februar 1934 hinwies und auf den Zustand der damaligen gespaltenen Gesellschaft, der es total an Zusammenhalt fehlte.


In den Räumlichkeiten der Gebietsbetreuung wurde lebhaft diskutiert. (Bild unten: Heinz Berger mit dem Buchautor Kurt Bauer)

Kurt Bauer formulierte seine Thesen, u.a.
– dass durch das Vorgehen im Februar 1934 maßgeblich dem späteren „Anschluss“ an das Dritte Reich 1938 in die Hände gespielt wurde;
– dass „der einzige Sieger Adolf Hitler war“;
– dass das (von der sozialdemokratischen SDAP, deren stv. Vorsitzender Otto Bauer eine zwiespältige Haltung einnahm, ausgeschlagene) Koalitionsangebot des christlichsozialen Bundeskanzlers Seipel im Jahr 1931 vielleicht die letzte Chance war, die Demokratie zu retten;
– dass Engelbert Dollfuß, Kanzler ab 1932, immer mehr unter den Einfluss des italienischen Faschistenführers Mussolini geriet und ab 1933 zunehmend diktatorisch herrschte;
– und dass unter den Todesopfern ZivilistInnen, die sich nicht an den Kämpfen beteiligt hatten, die größte Gruppe stellten.

In der lebhaften Diskussion gab es auch Kritik an der Verwendung interner Polizeiberichte bei Bauers Recherchen. Eine Teilnehmerin, deren Vater selbst an den Kämpfen im Schlingerhof beteiligt war, wies den Begriff „Aufrührer“ zurück und wies darauf hin, dass die Arbeiterschaft 1934 den ersten offenen Widerstand gegen den aufkeimenden Faschismus in Europa geleistet habe und gar keine andere Wahl hatte, als sich gegen die Provokationen des Dollfuß-Regimes zu wehren.

Ein anderer Diskussionsteilnehmer, der aus bäuerlichem Milieu stammt und dessen Vater 1934 auf Seiten des Bundesheers beim Karl-Marx-Hof gestanden war, merkte an, dass die Situation auf dem Land völlig anders war als in den industriell geprägten Städten (Kurt Bauer ergänzte, dass die Kämpfe beim „Juliputsch“ 1934 der Nazis weitgehend auf dem Land stattfanden).

Es wurde auch die Frage gestellt, ob es sich beim Februar 1934 um einen „Bürgerkrieg“ oder um einen „Aufstand“ gehandelt habe. Kurt Bauer hatte früher selbst den Ausdruck „Bürgerkrieg“ verwendet, sieht dies aber heute nicht mehr so:  Es gab relativ wenige Tote (357 in ganz Österreich, davon 76 in Floridsdorf), kein geschlossenes von den Aufständischen kontrolliertes Territorium (lediglich einige Wohnsiedlungen und Gebäude der ArbeiterInnenbewegung) und die Kämpfe waren nicht lang andauernd, sondern im Wesentlichen nach zwei Tagen vorbei.

Zur Frage der Spaltung der Gesellschaft und der Zunahme autoritärer Tendenzen heute (von Ländern wie Ungarn und Polen bis hin zu USA, Philippinen oder Brasilien) meinte Kurt Bauer, dass die Situation mit den 1930er-Jahren nicht vergleichbar sei:  Damals betrug der Arbeitslosen-Anteil in Floridsdorf – ebenso wie unter den Februar-Opfern – rund 40%, die Not war erdrückend und führte zu Demoralisierung. Die soziale Situation sei heute wesentlich besser, Österreich hat einen funktionierenden Verfassungsgerichtshof und es finden keine bewaffneten Aufmärsche und Auseinandersetzungen statt. Der Februar 1934 müsse historisch betrachtet werden.

In weiteren Diskussionsbeiträgen wurden die „1918 verlorene Räterepublik“, das „Kapital als Gewinner der gesellschaftlichen Spaltung“ und die Frage, ob „Widerstand leisten“ nur mit Waffengewalt oder auch anders möglich sei, zur Sprache gebracht.

Auch die Frage, warum die Gedenktafel für die Februarkämpfer, die um 1947 vom (kommunistischen) Arbeiterbetriebsrat des Austro-Fiat-Werks an der Ecke Brünner Straße/Floridsdorfer Markt angebracht worden war, vor Jahren entfernt und an die weniger sichtbare Ostseite des Schlingerhofs – bei Stiege 18 – versetzt worden war, wurde gestellt (und konnte leider nicht beantwortet werden).

 Gerhard Jordan


Die früher an der Ecke zur Brünner Straße angebrachte Gedenktafel an ihrem heutigen Platz an der Ostseite des Schlingerhofs.

10.2.: Gedenkrundgang zum Februar-Aufstand 1934

Die Überparteiliche Gedenkplattform Transdanubien, die seit 2012 alljährlich Aktivitäten setzt, lädt zu einem Gedenk-Rundgang anlässlich des 85. Jahrestags des Februar-Aufstands 1934, der eines seiner Zentren im 21. Wiener Gemeindebezirk hatte, ein.

Der Historiker Dr. Kurt Bauer, Autor des Buches „Der Februar Aufstand 1934. Fakten und Mythen (Böhlau Verlag, 2019), führt zu einigen der damaligen Schauplätze.

Im Anschluss findet eine Diskussion im Lokal der Gebietsbetreuung im Schlingerhof statt.

Treffpunkt:  10. Februar 2019,  15 Uhr, Franz-Jonas-Platz.

 

EINLADUNG:

 


Denkmal für Brandoberkommissär Ing. Georg Weissel (Ecke Prager Straße/Gerichtsgasse, entworfen vom Floridsdorfer Bildhauer Karl Nieschlag und errichtet 1964), der am 15. Februar 1934 vom Dollfuß-Regime hingerichtet wurde.  (Foto u. folgende drei: G. Jordan).


Der ehemalige Bahnhof Floridsdorf (Nordbahnanlage 9) heute. Am 13. und 14. Februar 1934 war das im Bezirksteil Donaufeld gelegene Gebäude heftig umkämpft.


Der am 13.2.1934 von Artillerie beschossene Gemeindebau „Schlingerhof“ heute.

 


Das Lokal der Gebietsbetreuung „GB*nord“, 2018 in einem ehemaligen Gasthaus im Schlingerhof eröffnet.


Das neu erschienene Buch von Kurt Bauer über den Februar-Aufstand.

 

 

 

Ausstellung über das Jüdische Leben in Floridsdorf

Anlässlich des 80. Jahrestages der „Reichspogromnacht“ fanden in ganz Wien Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an die Opfer der Shoa statt, so auch in Floridsdorf. Eine Ausstellung des Bezirksmuseums, die maßgeblich vom grünen Bezirksrat Gerhard Jordan mitgestaltet wurde, ist noch bis 3. Februar 2019 zu sehen.

Am Vormittag des 23. Oktober 2018 wurde in der Hopfengasse, am Rest des ehemaligen Tors beim FAC-Platz, von den Opferverbänden eine Gedenktafel enthüllt, die an das 1944/45 dort befindliche KZ-Nebenlager erinnert.


Die Gedenktafel am ehemaligen Lagertor in der Hopfengasse.  (Fotos: Heinz Berger, Gerhard Jordan)

Am Nachmittag und Abend fand im Bezirksmuseum eine Veranstaltung statt, die an die verschiedenen Aspekte des jüdischen Lebens in Floridsdorf erinnerte:

An den – ab 1880 – ersten Rabbiner Dr. Joseph Samuel Bloch (1850-1923), dessen Todestag sich im Oktober zum 95. Mal jährte, an die zahlreichen jüdischen Vereine, an die Geschäfte im Bezirkszentrum und an den jüdischen Friedhof in der Ruthnergasse, der in den 1990er-Jahren im Rahmen des Projekts „Schulen adoptieren Monumente“ von SchülerInnen und Lehrkräften des Gymnasiums Ödenburger Straße wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt wurde. Dazu gab es einen Rückblick mit zwei damals Beteiligten (Mag. Tatjana Tupy und Mag. Johann Schrammel).


Johann Schrammel (damals Lehrer, l.) und Tatjana Tupy (damals Schülerin) erinnern sich an ihr Projekt.

Die Direktorin des Ella-Lingens-Gymnasiums in der Gerasdorfer Straße, Frau Mag. Eveline Trenner-Moser, und die Maturantin Nina Brugger sprachen über die Namensgeberin ihrer Schule.

Vorträge und Präsentationen widmeten sich dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben, unbekannten Aspekten wie der tragenden Rolle jüdischer Sportfunktionäre bei den vor dem 2. Weltkrieg sehr erfolgreichen Floridsdorfer Fußballklubs Admira und FAC, der Verfolgung und Vernichtung der Gemeinde nach 1938 sowie der Gedenkkultur von 1945 bis heute.


Die Präsentationen von Gabriele Dorffner (oben), Matthias Marschik (Mitte) und Gerhard Jordan (unten).

Mag. Wolfgang Schellenbacher vom Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) stellte das Projekt „Memento Wien“ (eine Personendatenbank mit bezirks-bezogenen Informationen zu den Opfern des NS-Terrors) vor.


Wolfgang Schellenbacher (DÖW) stellt „Memento Wien“ vor.

Bei der Abendveranstaltung, musikalisch umrahmt von Klezmer-Musik des „LeChaim Trio“, las die in Floridsdorf aufgewachsene Schauspielerin Erika Pluhar aus eigenen Werken und erinnerte an ihre einstige Geschichtslehrerin im Gymnasium Franklinstraße 21, die schon früh offen und deutlich über die Judenvernichtung des Nazi-Regimes sprach. Der Andrang war so groß, dass eine Video-Übertragung aus dem Großen Saal ins Erdgeschoß angeboten werden musste.


Erika Pluhar bei ihrer Lesung aus eigenen Werken.

Die HistorikerInnen Dr. Gabriele Dorffner, Dr. Matthias Marschik und Mag. Gerhard Jordan gestalteten eine Ausstellung zum Thema „Gedenken an das Jüdische Leben in Floridsdorf“, die noch bis einschließlich 3. Februar 2019 im Bezirksmuseum, Prager Straße 33, zu sehen ist (zu den Öffnungszeiten Dienstag 15-17 und Sonntag 10-12 Uhr). Auch ein Museumsheft zum Thema kann dort um 8 € erworben werden.

Die Volkshochschule 21 organisierte außerdem einen Rundgang und eine Gedenkveranstaltung, und vor dem Standort der ehemaligen Floridsdorfer Synagoge in der Freytaggasse wurde am 8. November eine Lichtzeichen-Installation – ähnlich wie auch an anderen (ehemaligen) Synagogen-Standorten Wiens angebracht.

Brigitte Parnigoni

Grätzl-Rundgang Bruckhaufen

Am 20. Oktober 2018 fand wieder einer der vom Bildungszentrum Floridsdorf veranstalteten Grätzl-Rundgänge mit Bezirksrat Gerhard Jordan statt.

Diesmal ging es vom Wasserpark, einer vor 90 Jahren vom damaligen Stadtgartendirektor Friedrich Kratochwjle angelegten Parkanlage des „Roten Wien“, zum Bruckhaufen, wo die dortige Siedlungsgeschichte beleuchtet wurde – von der einstigen Mülldeponie bis zur beliebten und gefragten Wohngegend.

Bei dem Spaziergang trafen die TeilnehmerInnen zufällig auch einen Bewohner, der noch den populären Armenarzt Dr. Otto Benedik (1923-2002) gekannt hatte, der fast 50 Jahre lang in der Königsteingasse ordiniert hatte und nach dem 2006 der Platz mit dem Kreisverkehr am Schnittpunkt Kugelfanggasse/Friedstraße benannt worden war.

 


Im Wasserpark sind sowohl „echte“ – Graureiher auf dem Inselchen! – als auch „künstlerisch gestaltete“ Wasservögel zu finden: Bronzeplastik „Storchenpaar“ von Anton Endstorfer aus 1956. (Fotos: Ingrid Rapf)

 


Auf dem Otto-Benedik-Platz.

Gute Nachrichten für das Stadtbild: Schutzzone Am Spitz beschlossen; Bauordnungs-Novelle stoppt Abrisse auch in Transdanubien

Zwei positive Entwicklungen im Bereich Stadtbildschutz waren in den letzten  Monaten in Wien zu verzeichnen.

1.)  Schutzzone im Zentrum Floridsdorf

Am 27. September 2018 beschloss der Wiener Gemeinderat einstimmig das Plandokument Nr. 8216 und damit die Schaffung der Ortsbild-Schutzzone rund um das Amtshaus am Floridsdorfer Spitz.
Damit wurde ein Prozess, der sich seit der ersten Antragstellung und Diskussion im Bezirk 2010/11  über den nach dem Abriss des Donaustädter Hopf-Hauses 2014  gestarteten neuerlichen Anlauf mit der 2015 verhängten Bausperre bis zur öffentlichen Auflage des Plandokuments vom 12. März bis 24. Mai 2018 (inklusive begleitender Informations-Ausstellung im Haus der Begegnung Floridsdorf am 3. Mai) und zur positiven Stellungnahme der Bezirksvertretung Floridsdorf am 13. Juni über acht Jahre hinzog, abgeschlossen.


Am 3. Mai 2018 fand im Haus der Begegnung eine Informations-Ausstellung statt.  (Fotos: Gerhard Jordan)

Gemeinderat Christoph Chorherr hielt bei der Sitzung, in der der Beschluss gefasst wurde, eine Rede, in der er auch auf die Entwicklung des Bereiches um den Spitz als repräsentatives Zentrum einging und dessen Bedeutung, die bis auf die Zeit vor der Eingemeindung nach Wien zurück geht, hervorhob. Bis jetzt waren es ja hauptsächlich gründerzeitliche Viertel im innerstädtischen Bereich gewesen, denen größere Aufmerksamkeit zu Teil wurde.


Die Häuser Am Spitz 11 (ehemalige Gemeinde-Sparkasse aus 1894/95), 12 und 13 („Sild-Haus“, errichtet 1905 vom Otto Wagner-Schüler Friedrich Dietz von Weidenberg) sowie Prager Straße 1 (v.l.n.r.) liegen nun in der Ortsbild-Schutzzone im Zentrum Floridsdorfs. (Foto: Molly Wurth)

Zwar kam leider für die Gebäude der Pferdefleischerei Schuller in der Schwaigergasse 29-31 die am 23. September 2015 vom Wiener Gemeinderat beschlossene Bausperre zu spät, aber in der nördlichen Floridsdorfer Hauptstraße wurden die teilweise auf die Zeit des Vormärz zurück gehenden Häuser nicht nur in die Schutzzone einbezogen, sondern auch deren Bauhöhe (großteils Bauklasse III mit 13,5 m) wurde reduziert (auf Bauklasse I mit 8,5 m), was Abrisse auch wirtschaftlich weniger lukrativ macht und somit der Erhaltung schützenswerter Bausubstanz dient.


Die Häuser Schwaigergasse 29 und 31, Teil des Ensembles Schwaigergasse, wurden leider kurz vor der Verhängung der Bausperre abgerissen (Fotos aus 2009).


Die Schwaigergasse 29-33 heute.


Teil der Schutzzone, auch mit Reduktion der gewidmeten Bauhöhe auf 8,5 Meter:  Floridsdorfer Hauptstraße 41 bis 45.

2.)  Bauordnungs-Novelle zum Schutz der gründerzeitlichen Bausubstanz

Am 28. Juni 2018 beschloss der Wiener Landtag mit den Stimmen von SPÖ, GRÜNEN und FPÖ eine Novelle zur Bauordnung, die einen stärkeren Schutz für gründerzeitliche Gebäude die bisher NICHT in Ortsbild-Schutzzonen lagen, vorsieht und Schutzzonen nach § 7 (1) BO auch nicht mehr auf ein „in sich geschlossenes Ganzes“ beschränkt.

Im § 60 (1) ist nun festgelegt, dass nicht nur der Abbruch von Bauwerken in Schutzzonen und Gebieten mit Bausperre bewilligungspflichtig ist, sondern auch „der Abbruch von Gebäuden, die vor dem 1.1.1945 errichtet wurden, wenn der Anzeige des Abbruchs gemäß § 62a Abs. 5a keine Bestätigung des Magistrats angeschlossen ist, dass an der Erhaltung des Bauwerkes infolge seiner Wirkung auf das örtliche Stadtbild kein öffentliches Interesse besteht“.
Spätestens 4 Wochen vor dem geplanten Beginn der Arbeiten ist vom Bauherrn der Abbruch schriftlich der Behörde anzuzeigen. Erst wenn eine Bestätigung der MA 19 (Architektur und Stadtgestaltung) vorgelegt wird, dass an der Erhaltung des Bauwerkes infolge seiner Wirkung auf das örtliche Stadtbild kein öffentliches Interesse besteht, kann mit einem Abbruch begonnen werden.

Dieser wichtige und von zivilgesellschaftlichen Initiativen seit langem geforderte Schritt hatte zur Folge, dass es in den Tagen vor dem Inkrafttreten Ende Juni 2018 zu einer Häufung von Abrissen vor allem gründerzeitlicher Gebäude kam – teilweise wohl auch mit Spekulations-Absicht, um sich eine Prüfung der Erhaltungswürdigkeit der Objekte zu ersparen und nach Abrissen Platz für größere und gewinnbringende Neubauten zu schaffen. Teilweise wurden Abbrüche über Nacht sogar von Häusern begonnen, in denen noch MieterInnen wohnten.
Laut Medienberichten hat die Wiener Baupolizei in den ersten Juli-Tagen wienweit rund 70-80 Baustopp-Bescheide erlassen.

Ein Beispiel dafür ist im Donaustädter Abschnitt der Donaufelder Straße zu sehen:
Bei dem 1913 von Karl Amlacher und Hans Sauer (für einen Oberlehrer aus Stadlau) errichteten Mehrfamilienhaus in der Donaufelder Straße 193, dessen Mittelrisalit spätsecessionistischen Dekor aufweist, wurde die Demolierung von der Rückseite her begonnen. AnrainerInnen und die grüne Donaustädter Klubobfrau Heidi Sequenz verständigten die MA 37, und so konnte auch dieses Juwel vorerst gerettet werden.

Der Abriss des spätgründerzeitlichen Hauses Donaufelder Straße 193 (errichtet 1913 von Karl Amlacher und Hans Sauer) wurde im Juli 2018 von der Baupolizei gestoppt.

Was den 21. Bezirks betrifft, so wollten die Grünen wissen, bei welchen Objekten in Floridsdorf Abrisse gestoppt wurden, und brachten für die Bezirksvertretungssitzung am 12. September 2018 eine Anfrage ein.
In seiner Antwort nannte Bezirksvorsteher Papai 6 Gebäude im 21. Bezirk, bei denen die Baupolizei Anfang Juli die Einstellung eines Abbruchs verfügte.
4 dieser Objekte – auf dem Jedlersdorfer Platz 20, in der Prießnitzgasse 19, in der Rußbergstraße 60 und in der Theodor-Körner-Gasse 14 – waren zwar vor 1945 errichtet, es handelte sich jedoch nicht um Bauten aus der Gründerzeit, sondern zumeist aus den 1930er-Jahren. Daher wurden von der Behörde Bescheide ausgestellt, dass an der Erhaltung kein öffentliches Interesse besteht, und die Abrisse konnten schließlich fortgesetzt werden.

Anders war die Lage in den restlichen beiden Fällen, wo die Erhaltung der Objekte verfügt und der Abbruch gestoppt wurde. In der Anton-Störck-Gasse 83, nahe der Prager Straße, war bei einem wahrscheinlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Gebäude der historistische Fassadenschmuck bereits teilweise abgeschlagen worden, und auch im Erdgeschoß sind die Spuren der Demolierungsarbeiten zu sehen.


Abrisse verhindert:  Die Gründerzeithäuser Anton-Störck-Gasse 83 (oben) und Gerstlgasse 7 (unten) im 21. Bezirk.

In der Gerstlgasse 7 handelt es sich um ein Wohnhaus mit spätsecessionistischem Dekor, das laut Friedrich Achleitner („Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert“, Band III/3, Seite 191) im Jahr 1912 von Franz Palisek errichtet wurde. Vor allem im obersten Geschoß lässt sich der begonnene und gestoppte Abriss feststellen. Die Entscheidung der Baupolizei war in diesem Fall absolut richtig, denn das Objekt steht in einem Grätzl von Jedlesee/Neujedlersdorf, welches zu einem maßgeblichen Teil von spätgründerzeitlicher Bebauung aus den Jahren 1910 bis 1914 geprägt ist (auch das Hotel Karolinenhof gehörte zu diesem Ortsbild).

Es ist zu hoffen, dass die beiden Objekte wiederhergestellt werden, und dass es mittelfristig dem Gesetzgeber gelingt, Bedingungen zu schaffen die die Sanierung von Altbauten wirtschaftlich attraktiver machen als einen Abriss, der oft in „gesichtslose Investoren-Architektur“ und in die Zerstörung bestehender Ensembles mündet.

Bezirksrat Gerhard Jordan 

Gedenken an Roma auf Bezirksebene

Seit 15. Juni 2018 wird an die in Floridsdorf lebenden Lovara, Sinti und Roma nicht nur durch Straßennamen, sondern auch mit einer Gedenkstele erinnert – in der Franklinstraße, vor der „Business School“, auf dem Grünstreifen zwischen dem Hallenbad und dem Gymnasium Franklinstraße 26.


Die am 15. Juni 2018 enthüllte Gedenkstele in der Franklinstraße 24  (Fotos:  Gerhard Jordan).

Die Vorgeschichte

Dass der 21. Bezirk ein bevorzugter Aufenthalts- und Wohnort von Roma – vor allem der um 1920 aus Ungarn kommenden Lovara, die sich damals großteils als Pferdehändler betätigten – war, ist schon länger bekannt. Ein Antrag der Grünen aus dem Jahr 1996 in der Bezirksvertretung auf Benennung einer Verkehrsfläche nach dieser Volksgruppe führte 5 Jahre später zur Benennung von Lovaraweg – sowie auch von Romaplatz und Sintiweg – auf dem Bruckhaufen, nahe der Arbeiterstrandbadstraße.


1996 beantragt, 2001 benannt:  der von der Arbeiterstrandbadstraße zur Alten Donau führende Lovaraweg.

Romane Thana

Während sich ältere FloridsdorferInnen an die Roma auf dem Mühlschüttel und in anderen Teilen des Bezirkes noch erinnern können (noch heute leben Lovara bevorzugt in Floridsdorf, allerdings auf Wohnungen im ganzen Bezirk verteilt), so war dieser Teil der Bezirksgeschichte den jüngeren kaum bekannt. Hier leistete im Jahr 2015 die Ausstellung „Romane Thana. Orte der Roma und Sinti“ im „WIEN MUSEUM“ eine ganz wichtige Bewusstseinsarbeit. Zu den damaligen Rahmenveranstaltungen gehörten auch Spaziergänge, die Willi Silvester Horvath auf den Spuren der ehemaligen Wohnorte seiner Verwandten, die sich vor fast 100 Jahren als Pferdehändler auf dem Mühlschüttel niedergelassen hatten, abhielt.


Willi S. Horvath bei einer Exkursion des „WIEN MUSEUM“ in der Floridusgasse (2015).

Die „Überparteiliche Gedenkplattform Transdanubien“ schlug vor, eine Erinnerungsstätte zu schaffen, die auf den Ringelseeplatz (damals zwischen Ringelseegasse und Franklinstraße gelegen, dem bis 1965 dort befindlichen Fußballplatz des SR Donaufeld benachbart) hinweisen soll, der bis in die frühen 1960er-Jahre ein Treffpunkt verschiedener Roma-Gruppen aus mehreren Ländern Europas war. Nicht nur Lovara, sondern auch Sinti, Roma die entweder aus Jugoslawien oder 1956 nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution nach Österreich kamen, Durchreisende, „Jenische“, Schausteller-Familien aus Italien usw. hielten sich für kürzere oder längere Zeit hier auf. Erst ab etwa 1963 verschwand dieser Sammelpunkt, und es wurden in der Umgebung öffentliche Gebäude errichtet:  das Gymnasium (Nr. 26, errichtet 1963-66), die Handelsakademie (Nr. 24, 1964-66), das Hallenbad (Nr. 22, 1964-67) und der Kindergarten (Nr. 28, 1969-72).

Am 17. März 2016 unterstrich die Gedenkplattform ihre Forderung mit einer Kundgebung in der Franklinstraße, an die sich ein Gespräch mit ZeitzeugInnen im Gasthaus Birner anschloss. Die Grünen hatten bereits am 10. Februar 2016 in der Bezirksvertretung Floridsdorf einen Antrag auf Schaffung einer Erinnerungsstätte gestellt, der (gegen die Stimmen der FPÖ) der Kultur- und Benennungskommission zugewiesen wurde.
Mit Unterstützung des Bezirks kümmerten sich der Vorsitzende der Kommission, Bezirksrat Kurt Schmidt (SPÖ) und Bezirksrat Gerhard Jordan (GRÜNE) in den folgenden beiden Jahren um die Umsetzung. Ein Antrag an die KÖR („Kunst im öffentlichen Raum GmbH“) zur Ausschreibung eines KünstlerInnen-Wettbewerbs wurde schließlich an die Magistratsabteilung 7 (Kulturamt der Stadt Wien) verwiesen, die die Errichtung einer Stele in ihrem bewährten sogenannten „WIENKL-Design“ vorschlug.

Mit Hilfe von Willi Horvath wurde Kontakt mit der Roma-Community aufgenommen, ein Text formuliert und abgestimmt, und die Dienststellen der Stadt Wien prüften bei einer Ortsverhandlung den Standort. Der Termin der Enthüllung wurde, nachdem die Bezirksvorstehung von einem geplanten viertägigen Fest des Kulturvereins „Romano Svato“ erfahren hatte, mit diesem zusammengelegt, um entsprechende Synergien zu nutzen.

Die Enthüllung

Die Enthüllung fand am 15. Juni 2018 statt, und es nahmen zwischen 100 und 200 Menschen daran teil – auch zwei Schulklassen aus dem GRG 21, Franklinstraße 21. Zahlreiche VertreterInnen aus der Roma-Community (Verein Lovara Österreich, Romano Centro, Kulturverein österreichischer Roma, Romano Svato, romblog.at, etc.), MandatarInnen von 5 Parteien der Floridsdorfer Bezirksvertretung, AktivistInnen der „Überparteilichen Gedenkplattform Transdanubien“ und interessierte AnrainerInnen waren gekommen.

Die Reden von Willi S. Horvath, Gerhard Jordan, Nuna Stojka (Schwiegertochter der 2013 verstorbenen Malerin und Autorin Ceija Stojka) und Bezirksvorsteher Georg Papai begleitete die Gruppe „Amenza Ketane“ (mit Hojda Stojka, dem Sohn von Ceija) musikalisch.


Auch Medieninteresse war gegeben  (Fotos: Molly Wurth).


Willi Silvester Horvath sprach über die Vergangenheit seiner Familie und über die gesellschaftliche Rolle der Lovara auf dem Mühlschüttel in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.


„Amenza Ketane“ steuerte Musik der Lovara zu der Feier bei.


Gerhard Jordan erzählte, wie sich die Erinnerungskultur im Bezirk entwickelt hat und wies auf den günstigen Zeitpunkt der Enthüllung der Stele hin: einerseits rechtzeitig zum 25. Jahrestag der Anerkennung der österreichischen Roma, Sinti und Lovara als Volksgruppe, andererseits als wichtiges Zeichen in einer Zeit, wo wieder verstärkt „Sündenböcke“ gesucht werden.


Nuna Stojka erinnerte an ihre Schwiegermutter Ceija und appellierte an den gesellschaftlichen Zusammenhalt.


Bezirksvorsteher Georg Papai erläuterte die Rolle des Bezirks und der Kulturkommission beim Zustandekommen der Stele.


Die feierliche Enthüllung (v.l.n.r.: Bezirksvorsteher-Stellvertreterin Ilse Fitzbauer, Kulturkommissions-Vorsitzender Bezirksrat Kurt Schmidt, Bezirksrat Gerhard Jordan und Bezirksvorsteher Georg Papai aus Floridsdorf; ganz rechts Grüne Donaustadt-Klubobfrau Bezirksrätin Heidi Sequenz, Mitbegründerin der „Überparteilichen Gedenkplattform Transdanubien“).


AktivistInnen der „Überparteilichen Gedenkplattform Transdanubien“ mit Nuna Stojka nach der Enthüllung der Stele.