Vor 70 Jahren: Transdanubien ist befreit!

Am 13. April 1945 war es so weit: was 1938, nach dem „Anschluss“, mit sogenannten „Reibepartien“ am Spitz oder vor dem damaligen Arbeiterheim beim Bahnhof nahe der Angerer Straße, mit antisemitischen Schmierereien à la „Reif für Dachau“ auf jüdisch geführten Geschäften in der Floridsdorfer Hauptstraße und mit dem Entfernen jüdischer Kinder aus Schulklassen begann, endete in einem blutigen Zusammenbruch – mit dem Erschießen von Deserteuren am Bruckhaufen, mit dem Aufhängen von sogenannten „Verrätern“ vor dem Floridsdorfer Amtshaus (Biedermann, Huth, Raschke), mit Todesmärschen aus den KZ-Außenlagern an der Brünner und Prager Straße und mit mutwilligen Zerstörungen der Stadt durch Wehrmacht und Waffen-SS.

Als die Rote Armee die Donau überschritt und die Einkreisung drohte, zogen die Nazis schließlich vom Bisamberg ab und das teilweise in Trümmern liegende Wien war befreit.
An diese Befreiung Wiens und Transdanubiens vor 70 Jahren erinnerte die Gedenkplattform Transdanubien mit einer
Gedenk-Wanderung am 12. April 2015.

Die Veranstaltung, an der rund 40-50 Interessierte teilnahmen, startete im Donaupark bei der dortigen (1984 errichteten) Gedenkstätte für die Opfer der NS-Militärjustiz. Heidi Sequenz, Bezirksrätin der Grünen Donaustadt, stellte die aus AktivistInnen verschiedener politischer Parteien und zivilgesellschaftlicher Gruppen bestehende Überparteiliche Gedenk-Plattform vor und erklärte, warum die VeranstalterInnen nach den beiden Kundgebungen zum Jahrestag des „Anschlusses“ in den Jahren   2012  und  2013  und nach einer  Lesung  eines (in Donaufeld aufgewachsenen) Buchautors der als Kleinkind dem Holocaust entging im Jahr 2014 diesmal eine Gedenkwanderung gewählt hatten.  Johann Höllisch von der KPÖ Donaustadt erinnerte an die zahlreichen Menschen, die in der einst südlich der Alten Donau am Bruckhaufen befindlichen Militärschießstätte hingerichtet wurden – etwa die beiden Feuerwehrleute Hermann Plackholm und Johann Zak. Für Wehrmachts-Deserteure, von denen viele ebenfalls hier exekutiert wurden, gibt es seit 2014 erfreulicherweise das zentrale Denkmal auf dem Ballhausplatz.

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Die Donaustädter OrganisatorInnen Heidi Sequenz (2. von links) und Johann Höllisch (3. von rechts).  Fotos: Birgit Meinhard-Schiebel.

Vom 22. Bezirk ging es weiter in den 21. Bezirk, wo der forensische Archäologe Mag. Thomas Pototschnig Informationen zu einigen der Stätten des Nazi-Terrors lieferte. Er hat dazu umfangreiche Recherchen angestellt – mit Akten, Zeugenaussagen, Luftbildern und freigelegtem Material wie Mauerresten etc.
Zu diesem Aspekt der Geschichte ist noch sehr wenig erforscht, und fast wöchentlich ergeben sich neue Erkenntnisse.

Bei der ersten Floridsdorfer Station in der Hopfengasse erwähnte Pototschnig zunächst das nahe gelegene Lager Prager Straße, das sich zwischen Kammelweg, Rudolf-Virchow-Straße und Prager Straße befand (heute stehen dort Wohnanlagen, die um 2006/07 errichtet wurden). Von Juli 1944 bis April 1945 waren dort Zwangsarbeiter untergebracht, die für die Rüstung arbeiten mussten (z.B. für die Akkumulatorenfabrik AFA). Nicht sicher ist, ob es sich um das Lager „Nordpol“ gehandelt haben könnte, dessen genaue Lage noch nicht gesichert ist.

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Mag. Thomas Pototschnig (rechts), daneben der Floridsdorfer Mit-Organisator Heinz Berger (Verkehrsinitiative Donaufeld).

In der Hopfengasse befand sich eines der Wiener Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen. Fallweise wurde es als „Lager Jedlesee“ bezeichnet, manchmal als „Lager Julius“. Es wurde Mitte Juli 1944 eingerichtet und war eines der Hauptlager in Wien. Die Anzahl der Häftlinge lässt sich nicht genau bestimmen, gemeinsam mit den Lagern Schwechat und Hinterbrühl (heutige „Seegrotte“) lag die Gesamtzahl im Frühjahr 1945 bei ca. 2.700 Personen. In Jedlesee wurden für das Heinkel-Werk Flugzeugmotoren produziert (eine 1944 bombardierte Produktionsstätte im Herrenholz auf dem Bisamberg wurde ebenfalls hierher verlegt). Während sich die Baracken, also der Internierungsbereich, etwa an der Stelle der heute dem FAC-Platz benachbarten Tennisplätze befanden (1945 wurden sie aus hygienischen Gründen von den Alliierten abgebrannt), wurde gegenüber, in den unterirdischen Kellern der 1930/31 stillgelegten Jedleseer Brauerei, die zuvor u.a. für eine Champignonzucht verwendet wurden, gearbeitet. Heute befindet sich an der Stelle die Einfahrt zur Tiefgarage einer Genossenschaftswohnanlage aus den späten 1980er-Jahren. Das Tor zum Barackenlager (wahrscheinlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Eingangstor eines Hofes zum Einstellen von Fuhrwerken errichtet) ist heute noch zu sehen und wurde von der Firma Kadlez, deren Eingang zum Grillhaus sich gleich nebenan befindet, freigelegt (davor befand sich eine Plakatwand) und saniert – was sehr begrüßenswert und anzuerkennen ist, zumal anderswo oft noch das Vertuschen und Verschweigen vorherrschen.

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Hopfengasse 8:  Das ehemalige Tor zum KZ-Außenlager Jedlesee erinnert an die Gräuel.

Am 1. April 1945 wurde das Lager geräumt, wobei am Vortag vermutlich 54 Kranke und Schwache ermordet wurden. Bei dem Fußmarsch Richtung Mauthausen kamen dann weitere 204 Häftlinge um.

Nach einigen Fragen und einer Diskussion über die Frage der Verantwortung führte die Gedenk-Wanderung weiter über die Prager Straße zum ehemaligen Gelände der Firma Mautner-Markhof, zu der rund um den Bereich der heutigen Nordbrücken-Abfahrt einige Gebäude (wie das heutige Bezirksmuseum und als ältestes die Villa Prager Straße 20, in dem sich heute die Zentrale des Vereins Wiener Jugendzentren befindet) und Betriebe (z.B. die Brauerei St. Georg) gehörten. Auch hier waren Zwangsarbeiter untergebracht, die von September 1944 bis März 1945 beim Bau des noch heute an der Gerichtsgasse stehenden Hochbunkers Sklavenarbeit leisten mussten. Dies weiß man auf Grund von Tagebuchaufzeichnungen eines ungarischen Juden, József Bihari (ermordet am 3. Mai 1945), aus denen Thomas Pototschnig einige berührende und erschütternde Stellen vorlas.

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Thomas Pototschnig mit Unterlagen zur Prager Straße 20.  Links im Hintergrund der Hochbunker in der Gerichtsgasse.

Die letzte Station bildete der im Mai 2000 vom Verein „Niemals vergessen“ errichtete Gedenkstein vor dem Bezirksmuseum in der Prager Straße 33, der an die Opfer der auf Floridsdorfer Boden befindlichen KZ-Nebenlager erinnert.

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Beim „Niemals vergessen“-Gedenkstein vor dem Bezirksmuseum Floridsdorf.  Foto: Heinz Berger.

Gerhard Jordan, Bezirksrat der Grünen Floridsdorf, erinnerte daran, dass 1945 gerade in Transdanubien die meisten BewohnerInnen von den Gräueltaten der Nazis gewusst haben mussten, wenn ZwangsarbeiterInnen täglich zu den vielen Rüstungs-relevanten Betrieben geführt wurden und wenn schließlich die Todesmärsche nach Mauthausen direkt auf den Hauptstraßen verliefen. Umso wichtiger sei es, die Geschehnisse aufzuarbeiten und darüber zu sprechen, wobei die Bemühungen von Forschern wie Thomas Pototschnig ganz wichtig und wertvoll seien.

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Bezirksvorsteher-Stellvertreterin Ilse Fitzbauer und Bezirksrat Gerhard Jordan aus Floridsdorf.

Ilse Fitzbauer, Bezirksvorsteher-Stellvertreterin von Floridsdorf (SPÖ), selbst aus einer Familie die Verfolgung und Widerstand erlebt hatte stammend, sprach über mehrere Aktivitäten, die die Bezirksvertretung und die sozialdemokratischen Freiheitskämpfer gegen den Faschismus und zum Gedenken an die Opfer gesetzt hatten.

Nach der Niederlegung eines Kranzes und einer Gedenkminute hatten die TeilnehmerInnen noch die Möglichkeit, die Ausstellung „Schauplatz Floridsdorf 1938-1945. Krieg, Leid, Zerstörung“ im Bezirksmuseum zu besuchen, in der das Jahr 1945 in zwei Räumen behandelt wurde – in einem mit Informationen über Verfolgung und Vernichtung seitens des NS-Regimes, und in einem mit der Dokumentation der Bombenangriffe und der Bemühungen der Zivilbevölkerung, sich vor diesen zu schützen.

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Von links nach rechts:  Archäologe Thomas Pototschnig, Bezirksvorsteher-Stellvertreterin Ilse Fitzbauer sowie die OrganisatorInnen Heinz Berger, Gerhard Jordan (beide Floridsdorf), Heidi Sequenz, Johann Höllisch und Franz Wagner (alle drei Donaustadt) von der „Überparteilichen Plattform“ mit dem Kranz vor dem Bezirksmuseum Floridsdorf.

Es ist schwer zu glauben, dass es heute noch immer Menschen gibt, die 1945 nicht als Befreiung sondern als Niederlage empfinden – dem durch Aufklärung entgegenzuwirken ist eine der Aufgaben, die sich die Gedenkplattform Transdanubien gesetzt hat und auch weiterhin setzen wird.

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TeilnehmerInnen bei der Abschluss-Kundgebung, unter ihnen die grüne Wiener Gemeinderats-Kandidatin Birgit Meinhard-Schiebel (2. von links).  Foto: Heinz Berger.


BUCHTIPP:

Das Buch „Verdrängte Geschichte. Schauplätze des Naziterrors in Österreich“ von Peter Schubert  (Verlag Mayer & Comp, Klosterneuburg, o. J.)  liefert auf 168 Seiten detaillierte Informationen zu Orten in ganz Österreich, an denen bekannte, öfter aber noch bis jetzt kaum bekannte Taten passiert sind – die manchmal Jahrzehnte lang verschwiegen wurden.
Allein aus Transdanubien, also den Bezirken 21 und 22, sind mehr als zwei Dutzend Adressen angeführt!
Der Historiker Dr. Peter Schubert hat auch 2005 mit dem Buch „Schauplätze der Geschichte: Floridsdorf 1905-1955“ einen interessanten Beitrag zur differenzierteren Sicht der (lokalen) Vergangenheit geleistet.

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