Orte der Roma und Sinti in Donaufeld

Am 12. Februar 2015 wurde im Wien Museum am Karlsplatz 8 die äußerst sehenswerte Ausstellung „Romane Thana – Orte der Roma und Sinti eröffnet. Sie wurde vom Wien Museum in Kooperation mit dem Landesmuseum Burgenland, der Initiative Minderheiten und dem 1991 gegründeten Verein Romano Centro gestaltet.

WienMuseumKarlsplatz8mitAusstellungsplakatRomaneThana_Maerz2015

Gezeigt werden historische Orte, Orte des Zusammenlebens, der Emanzipation und der Verfolgung von Roma, Sinti und Lovara. Neben Informationen über den Genozid in der Nazizeit und die Diskriminierung davor und danach, über die Selbstorganisation (seit 1993 sind die österreichischen Roma als Volksgruppe anerkannt), über die Geschichte der Burgenländischen Roma, über die sogenannte „Gastarbeiter“-Migration nach Österreich (besonders Wien) ab den 1960er-Jahren und über die heutige Lebens- und Arbeitswelt sind vor allem die Beiträge und „Selbst-Zeugnisse“ von AutorInnen aus den Roma-Communities erwähnenswert, die zahlreiche private Fotos (und auch gemalte Bilder von Angehörigen, die den Holocaust überlebt hatten) zur Verfügung gestellt und am Ausstellungskatalog mitgewirkt haben.

Der Bezug zu Donaufeld

Für Donaufeld besonders interessant sind die Recherchen des 1966 geborenen, aus einer Lovara-Familie stammenden Musikers Willi S. Horvath, der die „verschwundenen Höfe der Lovara“ in Floridsdorf in Erinnerung ruft. Ein Tisch mit einer Landkarte des Mühlschüttels und Fotos die rund um diese gruppiert sind zeigt die Bezugsorte in der Ausstellung anschaulich. Die Lovara kamen ursprünglich als Pferdehändler aus Ungarn und ein großer Teil von ihnen lebte (und lebt) im 21. Bezirk. Von den 1950er-Jahren bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts waren viele auch als Marktfahrer im Teppichhandel tätig. Viele ihrer Treffpunkte wie etwa das Gasthaus Birner und das Café Fichtl waren auch solche der Nicht-Roma.

Während Sinti auf dem Bruckhaufen lebten, war der Mühlschüttel – vor allem der Ringelseeplatz und seine Umgebung (dort befand sich früher auch der alte Fußballplatz des SR Donaufeld; heute umgeben ihn Gemeindebauten, das Floridsdorfer Hallenbad und Schulen) – ein Treffpunkt der Lovara, die den Holocaust überlebt hatten. Dies verstärkte sich nach 1956, als zu den dortigen Wohnwägen auch solche mit Flüchtlingen aus Ungarn hinzu kamen.  Zahlreiche historische Fotos vom Ringelseeplatz, die in der Ausstellung zu sehen sind, stammen aus der Sammlung des 1939 geborenen Mozes F. Heinschink, der einen unschätzbaren Beitrag zur Erforschung der Sprachen und Lieder der Roma, Sinti und Lovara geleistet hat.

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Der Ringelseeplatz heute, Blick nach Westen. (Foto: G. Jordan)

Der Mühlschüttel an der Alten Donau, einst von Schiffsmüllern besiedelt, war ein günstiger Siedlungsraum auch für die Lovara, weil er genügend Platz für Stallungen bot, und in der Nähe des sowohl des Stadtzentrums als auch zu den umliegenden Dörfern lag.  Doch leider:  an den in der Ausstellung dokumentierten Adressen, wo sich Lovara trafen – etwa in der Mühlschüttelgasse 31-33, in der Leopoldauer Straße 58, in der Floridusgasse 43, in der Patrizigasse 7 oder in der Franklinstraße – erinnert heute nichts mehr an diese. Die alten Fuhrwerkerhäuser und die einst viel besuchten Gehöfte sind verschwunden, zumeist stehen dort Wohnanlagen neueren Datums.

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„Verschwundene“ Orte der Lovara:  Mühlschüttelgasse 31-33 (oben) war von ca. 1920 bis 1957 Treffpunkt der Großfamilien Erdely/Nitsch und Stojka/Horvath.  Nach dem Zweiten Weltkrieg, bis 1957, war dies auch die Franklinstraße 40 (damalige Nummerierung, unten). Das Grundstück wurde an die Gemeinde Wien verkauft, heute steht dort ein Schulzentrum.  (Fotos: G. Jordan)

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Zahlreiche Fotos stammen auch von der für die österreichische Kultur bedeutenden Lovara-Familie Stojka, u.a. von der KZ-Überlebenden, späteren Marktfahrerin und schließlich Künstlerin  Ceija Stojka (1933-2013),  die in den 1980er-Jahren als erste Romni mit einem Buch über ihre Erinnerungen an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Dass es heute einen Lovaraweg, einen Sintiweg und einen Roma-Platz auf dem Bruckhaufen gibt (mit schönem Blick über die Alte Donau zum Mühlschüttel), war eine Würdigung dieses Aspektes der Geschichte, die übrigens auf einen Antrag der Grünen in der Floridsdorfer Bezirksvertretung aus dem Jahr 1996 zurückgeht.

LovarawegBenannt2001fotoMai2009

2001 benannt:  Der Lovaraweg (Blick von der Arbeiterstrandbadstraße zur Alten Donau) und der Romaplatz (Blick zum Mühlschüttel mit dem Turm der Donaufelder Kirche) auf dem Bruckhaufen.

RomaplatzSchildMitBlickZumTurmDerDonaufelderKircheFotoJuli2011

Die Ausstellung im „Wien Museum“ ist noch bis 17. Mai 2015 täglich außer Montag von 10-18 Uhr zu sehen.

Gerhard Jordan

BUCHTIPP:
Ausstellungskatalog  „Romane Thana. Orte der Roma und Sinti“  (erschienen im Czernin Verlag, Wien 2015),  254 Seiten.
Preis:  24 Euro,  zu bestellen im Wien Museum.

 

 

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