Seestadt Aspern „hautnah“: Bauen einmal anders…

Im Bereich Donaufeld ist ein neues Stadterweiterungsgebiet geplant.
Die Floridsdorfer und Donaustädter Grünen sahen sich in einem bereits in Entstehung befindlichen um – in der „Seestadt Aspern“.

Rund 50 Interessierte waren am 31. Oktober 2014 der Einladung gefolgt und ließen sich nach einer Begrüßung durch die grüne Donaustädter Klubobfrau Heidi Sequenz von Julia Nermuth (Entwicklungsgesellschaft „3420“) und VertreterInnen verschiedener Baugruppen vor Ort das Konzept dieses neuen transdanubischen Stadtteils erklären.
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Die transdanubischen Grünen luden zur Exkursion in die Seestadt Aspern  (Fotos: I. Rapf,  G. Jordan).


Auf einer Fläche von 240 Hektar (das ist mehr als der ganze 7. Bezirk, Neubau!) werden im Endausbau rund 20.000 Menschen wohnen und ebenso viele arbeiten. In der ersten Bauphase entstehen 2.600 Wohnungen für rund 6.000 Menschen. Um den zentralen, 9 Hektar großen Seepark, führt eine Ringstraße (Sonnenallee), um die sich Wohnanlagen und Parks anordnen.
Auch an Bildungseinrichtungen (Schul-Campus), Gewerbe (v.a. im Osten der Seestadt) und an Nahversorgung ist gedacht. Mit der U2 ist das Stadtzentrum Wiens in weniger als einer halben Stunde erreichbar. Der (künstliche, vom Grundwasser gespeiste) See selbst wird knapp 5 Hektar groß und bis zu 11 Meter tief sein, auch Baden soll dort erlaubt sein.

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Julia Nermuth von der Entwicklungsgesellschaft „3420“ erläutert im „Info-Point“ das Seestadt-Konzept.

Der wohl spannendste Aspekt der Exkursion war die Vielfalt der Ideen und Zugänge der insgesamt sechs Baugruppen, deren Projekte im Bereich der Maria-Tusch-Straße entstehen:

Die erste Wohnanlage, die in der Seestadt – Anfang September 2014 – bezogen wurde, war jene der Baugruppe „JAspern (17 geförderte Eigentumswohnungen) am Hannah-Arendt-Platz 10/Ecke Maria-Tusch-Straße: Urban Gardening, Passivhaus-Standard, alternative Mobilität (viele Radabstellplätze statt Garagen, Ladestationen für E-Bikes) und gemeinsames Kochen und Essen (Gastraum) waren einige der Schwerpunkte bei der Konzeption.

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Das Projekt der Baugruppe „JAspern“:  Die „Pioniere“ der Seestadt.

Südlich davon, auf dem Hannah-Arendt-Platz 9, mit Blick (teilweise auch aus Balkons) auf den entstehenden, 15.000 m² großen Park, ist das Wohnprojekt der Baugruppe „B.R.O.T fast fertig: Ein Wohnheim mit 41 Wohneinheiten.

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Das Projekt der Baugruppe „B.R.O.T.“:  Balkone zum Hannah-Arendt-Park (rechts).

Hier geht es um gemeinschaftliches Wohnen und Planen, wobei die künftigen BewohnerInnen einander schon vor der Umsetzung des Projekts kannten. Die Abkürzung B.R.O.T. steht für  „Beten – Reden – Offen sein – Teilen“.  Ursprünglich war das eine engagiert-christliche Initiative, die schon 1988-90 ihre erstes Wohnprojekt in Hernals (Geblergasse 78) umgesetzt hat. Der Verein der in der Seestadt baut, ist auch für andere Religionen und Weltanschauungen offen, u.a. soll ein gemeinsamer spiritueller Raum zu Meditation und Gebet einladen.

Biegt man bei der „JAspern“-Anlage nach links in die Maria-Tusch-Straße ein, so schließt, auf Nr. 8, gleich die Baustelle des nächsten Projekts an: der Name der Baugruppe „LiSA steht für  „Leben in der Seestadt Aspern“.  Die hier entstehenden 50 bis 60 Wohnungen sollen zur Jahreswende 2015/16 bezogen werden, das „Thema“ der Baugruppe ist vor allem Wohnen und Arbeiten. Es wird Kreativ-Räume und Ateliers für KünstlerInnen geben, eine Orthopädie-Schuhmacher-Werkstatt u.a. Einrichtungen, wie uns ein künftiger Bewohner erzählte.

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Baugruppe „LiSA – Leben in der Seestadt Aspern“ mit zukünftigem Bewohner.

Vorbild ist das 1996 eröffnete Wohnprojekt „Sargfabrik“ in Penzing. Der Freiraum im Hofbereich wird gemeinsam mit den benachbarten Baugruppen-BewohnerInnen genutzt werden. Auch hier werden die meisten BewohnerInnen kein Auto besitzen und auf „Car-Sharing“ und andere Mobilitätsformen setzen.

Und ein letztes Beispiel, das ebenfalls für die Vielfalt und Originalität der „Seestadt-Experimente“ steht, zeigte uns Andreas Konecny von der Gruppe „Que(e)rbau“: von dem künftigen Stadthaus mit insgesamt 33 individuell geplanten Wohnungen bzw. Wohngemeinschaften am westlichen Rand der Seestadt, Ecke Maria-Tusch-Straße 2/Johann-Kutschera-Gasse, ist zwar noch nichts zu sehen, weil der Baubeginn erst 2015 erfolgen wird, aber das Konzept steht schon fest.

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Der Bauplatz der Baugruppe „Que(e)rbau“ am westlichen Ende der Seestadt, rechts die Johann-Kutschera-Gasse (Bild oben);
Andreas Konecny von „Que(e)rbau“, links, spricht über das Projekt (Bild unten).

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Alternative Partnerschafts- und Familienformen sollen hier Platz haben, von Patchwork- bis zu „Regenbogenfamilien“. Der Andrang ist so groß, dass sich Interessierte aus der LGBTIQ-Community wohl auch in benachbarten Wohnanlagen die nicht von Baugruppen geplant sind, ansiedeln werden. Auch für Flüchtlinge, die auf Grund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt wurden, soll es Platz geben. Das Projekt wird jedenfalls „ausstrahlen“: ein park-artiger „Festplatz“ vor dem Haus soll Öffnung signalisieren und gemeinsam „bespielt“ werden. Auch ein Vereinslokal, eine gemeinsam nutzbare Dachterrasse, ein Wellness-Bereich u.a. Einrichtungen werden zur Wohn- und Lebensqualität beitragen.

Auf den Geschmack gekommen? – Andreas Konecny hat folgenden Tipp parat: Wer eine Baugruppe gründen will, braucht zuerst eine stabile Kerngruppe die zusammenhält und ähnliche Ziele hat. Der nächste Schritt ist dann das Finden eines/einer ArchitektIn und eines Bauträgers (was angeblich gar nicht so schwer sein soll!). Am schwierigsten ist meist die Grundstückssuche. Erfahrungen – derzeit gibt es in Österreich rund 20 Baugruppen – von denen man lernen kann wurden jedenfalls auch schon hierzulande gemacht. Die „Initiative für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen“ etwa kann wertvolle Tipps geben.

Noch ein Wort zur Nahversorgung:  Diese war und ist ja nicht in allen Stadterweiterungsgebieten „perfekt“. Manchmal beschränkt sie sich auf Groß-Einkaufszentren, die nur per Auto gut erreichbar sind. In der Seestadt ist man von Anfang an neue Wege gegangen. Gleichzeitig mit dem Bezug der ersten Wohnungen wurde an der Ecke Sonnenallee/Maria-Tusch-Straße der „Seestadt mini-markt“, ein „mobiler Greißler“, eingerichtet, der Artikel für den täglichen Bedarf anbietet.

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Wichtiger Teil der Seestadt-Planung: Funktionierende Nahversorgung schon für die ersten BewohnerInnen.

In weiterer Folge soll in der Maria-Tusch-Straße eine belebte Einkaufsstraße entstehen, die Erdgeschoßzonen haben deshalb größere Raumhöhen. Es wird versucht, den Branchen- und Pächter-Mix so zu steuern, dass dieser den Bedürfnissen der BewohnerInnen entgegen kommt. Dafür gibt es eine eigene Projektgesellschaft, die „aspern Seestadt Einkaufsstraßen GmbH“. Wettbüros und „Spielautomaten-Höllen“ sind nicht erwünscht, sondern eine kleinteilige Struktur ähnlich jener der Bezirke innerhalb des Gürtels: also Lebensmittelgeschäfte, Drogeriemarkt, Bäcker, Frisiersalon, Buchhandlung, Apotheke, Arztpraxen, Bankfiliale, etc. – natürlich auch attraktive Gastronomie.

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Die Gastronomie-Szene wird sich noch entwickeln – doch in der „Seestadtkantine“ am Hannah-Arendt-Platz gab es schon jetzt die vielleicht beste Pizza Transdanubiens.

Die Entwicklung wird also nicht den „Gesetzen des freien Marktes“ überlassen – und das ist gut so!

Es soll nicht verschwiegen werden, dass einige TeilnehmerInnen der Exkursion angesichts der Baumassen und der „gefühlten Dichte“ einiger Straßenzüge auch ein „mulmiges Gefühl“ hatten.

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In der Tat ist die Seestadt Aspern ein Gebiet, in dem sich die These „Dichte schafft urbane Qualitäten“ beweisen kann – so das Konzept aufgeht.

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Qualität trotz dichter Verbauung:  Vor allem der See in dem zentral gelegenen, 9 Hektar großen Park soll dem neuen Stadtteil „Identität verleihen“.

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Auf jeden Fall sollten innovativen Baugruppen mehr Möglichkeiten (und Flächen) in Wien angeboten werden.

Das Stadtentwicklungsgebiet Donaufeld böte sich als geeigneter Standort für neue Baugruppen an – nicht zuletzt in Fortsetzung einiger innovativer Ansätze, die hier im Lauf der letzten zwanzig Jahre bereits entstanden sind!

Gerhard Jordan

ANKÜNDIGUNG:

Freitag,  20. Februar 2015,  18 Uhr:   „BAUGRUPPEN – AUCH BEI UNS IN DONAUFELD?“
Info-Veranstaltung mit Andreas Konecny von der Baugruppe „Que(e)rbau“ aus der „Seestadt Aspern“.
Ort: Gemeinschaftsraum der „Autofreien Siedlung“, Nordmanngasse 25-27, 1210 Wien.
Kontakt:  info@baugruppen-donaufeld.at
        LINK

 

 Das war die EINLADUNGSKARTE zu der Exkursion:

SeestadtAspernExkursion31okt2014_Flugi

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